Die große deutsche Torwartfrage vor der WM: Wer hat im Moment die besten Chancen?

Es ist noch nicht lange her, da stand die Besetzung der Torhüterposition der deutschen Nationalmannschaft außer Diskussion. Über ein Jahrzehnt stand mit Manuel Neuer wohl einer der besten Torhüter aller Zeiten im Tor der DFB-Elf. Auch die Nachfolge schien eigentlich geregelt: Mit Marc-André ter Stegen sollte die ehemalige Nr. 2 übernehmen und damit endlich aus dem Schatten Neuers heraustreten. 

Torhüter von Hoffenheim Oliver Baumann (Foto Depositphotos.com)
Torhüter von Hoffenheim Oliver Baumann (Foto Depositphotos.com)

Doch aus unterschiedlichen Gründen konnte dieser ursprüngliche Plan bisher nicht in die Tat umgesetzt werden.  Verletzungen, fehlende Spielpraxis und auch die starke Konkurrenz haben aus einer vermeintlich klaren Hierarchie eine der spannendsten Personalfragen auf dem Weg der Nationalelf zur WM 2026 gemacht. 

Die Ausgangslage im deutschen Tor

Eigentlich hatte Bundestrainer Julian Nagelsmann früh Klarheit schaffen wollen, indem Marc-André ter Stegen öffentlich zur Nr. 1 erklärt wurde. Die Bedingung dafür klang einfach und logisch: regelmäßige Spielpraxis. Doch genau daran hakt es seit Monaten: Erst der Bruch mit dem FC Barcelona, dann die Leihe nach Girona und kaum angekommen, schon die nächste langwierige Verletzung. 

Parallel dazu erledigte Vertreter Oliver Baumann seinen Job souverän. In der letztlich erfolgreich absolvierten WM-Qualifikation stand Baumann im Tor der DFB-Elf und sammelte fleißig Minuten und Vertrauen. Nach außen wirkt Nagelsmann sichtlich genervt von den Diskussionen um die Torwartposition, doch intern wächst der Entscheidungsdruck. Bis zur WM bleiben nur noch wenige Länderspiele, daher bleibt nicht viel Zeit für Experimente.

Fußball-Deutschland fiebert der Weltmeisterschaft entgegen und hofft auf eine bestmögliche Besetzung im eigenen Tor. Noch herrscht diesbezüglich allerdings Unklarheit. Wer im Tor steht, könnte am Ende auch die Quoten bei Sportwetten beeinflussen, weil die Buchmacher auf dieser Basis auch die Qualität der Mannschaft unterschiedlich einstufen.

Apropos Wetten und Wahrscheinlichkeiten: Zwar kann man nicht darauf wetten, wer die deutsche Nummer Eins wird. Wir haben trotzdem mal die Wahrscheinlichkeiten aufgeführt und unsere persönliche Prognose abgegeben. Auch wenn noch einige Monat vor uns liegen.

Oliver Baumann: 90 % Chance

Oliver Baumann gilt nicht als Torwart für spektakuläre Highlight-Clips. Er ist kein mitspielender Libero, kein Lautsprecher und auch kein Provokateur. Doch vielleicht ist genau das aktuell sein größter Vorteil. Baumann liefert, ohne große Worte, mit Leistung ab – Woche für Woche. Auch im DFB-Trikot wirkt der Hoffenheimer Stammkeeper stets ruhig, präsent und vollkommen unaufgeregt.

In den WM-Qualifikationsspielen war Baumann die Stammbesetzung im deutschen Tor und blieb zuletzt viermal in Folge ohne Gegentor. Nagelsmann lobte ihn öffentlich und freut sich über die große Verlässlichkeit von Baumann, der seit über einem Jahrzehnt Bundesliga-Stammkeeper und Kapitän bei der TSG aus Hoffenheim ist. 

Zuletzt durfte Baumann sogar die Kapitänsbinde im Nationalteam tragen – ein besonderes Zeichen der Wertschätzung. Als einziger echter Makel bleibt die fehlende internationale Top-Erfahrung von Baumann. Doch diese könnte Baumann im anstehenden Sommer sammeln. Aktuell deutet nämlich einiges darauf hin, dass der Hoffenheimer bei der WM 2026 das deutsche Tor hüten wird.

Marc-André ter Stegen: 20 % Chance

Rein sportlich gibt es an Marc-André ter Stegen nichts zu deuteln. Seine Qualität ist unbestritten: reaktionsschnell, stark auf der Linie und ruhig im Spielaufbau. Über Jahre galt der ehemalige Gladbacher als bester deutscher Torwart hinter Manuel Neuer und damit auch als logischer Nachfolger. 

Deutschlands Torhüter Nr. 1 Marc-Andre Ter Stegen während des UEFA Nations League Fußballspiels zwischen den Niederlanden und Deutschland in der Johan Cruyff Arena in Amsterdam am 10. September 2024 zu. (Foto: NICOLAS TUCAT / AFP)
Deutschlands Torhüter Nr. 1 Marc-Andre Ter Stegen während des UEFA Nations League Fußballspiels zwischen den Niederlanden und Deutschland in der Johan Cruyff Arena in Amsterdam am 10. September 2024 zu. (Foto: NICOLAS TUCAT / AFP)

Doch in den letzten Jahren erlitt ter Stegen immer wieder Rückschläge – sei es durch das schwer nachvollziehbare Disziplinarverfahren beim FC Barcelona oder auch durch langwierige Verletzungen. Das Pech scheint ihn noch immer zu verfolgen, denn kaum war der Wechsel aus Barcelona nach Girona vollzogen, um mehr Spielpraxis zu sammeln, folgte der nächste verletzungsbedingte Rückschlag. Mehrere Wochen Pause stehen nun im Raum.

Hinzu kommt ein Fakt, der schnell in Vergessenheit gerät: Ter Stegen hat trotz seiner langen Nationalmannschaftskarriere noch nie ein großes Turnier als Stammkeeper gespielt. Er kam bisher meist in Tests oder bei Abwesenheit Neuers zum Einsatz. Noch bleibt abzuwarten, wie langwierig die jüngst zugezogene Verletzung tatsächlich ist. Bei schneller Genesung und der gewünschten Spielpraxis in Girona gilt ter Stegen weiterhin als Favorit auf die Nr. 1 im deutschen Tor. Doch die neuerliche Verletzung könnte das Kräfteverhältnis endgültig zu seinen Ungunsten verschieben.

Alexander Nübel: 15 % Chance

Hinter den beiden großen Favoriten steht Alexander Nübel als erster Herausforderer bereit. Beim VfB Stuttgart hat sich Nübel immer weiter stabilisiert, wurde Vizemeister, gewann den DFB-Pokal und spielt auch schon Champions League. Er gilt als hochtalentiert, doch bisher gelang ihm nicht der ganz große Sprung. 

Vfb Stuttgart Torwart Alexander Nübel (Foto Depositphotos.com)
Vfb Stuttgart Torwart Alexander Nübel (Foto Depositphotos.com)

Im DFB-Team bleibt der Torhüter, der vertraglich noch immer dem FC Bayern München gehört, hinten dran. Nagelsmann ordnet ihn bisher klar hinter Baumann ein. Der Grund liegt nicht in fehlendem Können, sondern in seiner Unbeständigkeit. Immer wieder leistet sich Nübel kapitale Fehler, die auf diesem Niveau bestraft werden. Nübel scheint sich seiner Rolle allerdings bewusst zu sein und so lautet seine Devise erst einmal: Dabei sein ist alles.

Dementsprechend hängen Nübels Chancen auf die Nr. 1 bei der kommenden Weltmeisterschaft auch stark von Baumann und ter Stegen ab. Sollte ter Stegen weiter ausfallen und Baumann ebenfalls schwächeln, rückt Nübel automatisch in den Fokus. Ganz aus eigener Kraft scheint der Sprung zur Nr. 1 aktuell allerdings nur schwer vorstellbar.

Noah Atubolu: 7 % Chance

Realistische Außenseiterchancen rechnet sich auch Noah Atubolu vom SC Freiburg aus. Sein Spiel wird gern als besonders modern und mutig beschrieben und passt damit eigentlich hervorragend zur Philosophie von Nagelsmann. Stark mit dem Fuß, ruhig im Eins-gegen-eins und mit einer bemerkenswerten Entwicklungskurve. Auf sich aufmerksam machte Atubolu unter anderem bei der jüngsten U21-Europameisterschaft.

Sein großes Potenzial ist nicht zu übersehen und dennoch ist auch die Schattenseite offensichtlich. Kein A-Länderspiel, keine Erfahrung auf großer Bühne und noch sichtbare Schwächen bei hohen Bällen und in der Strafraumbeherrschung. Fehler, die bei einem WM-Turnier gnadenlos bestraft werden dürften. Atubolu wäre wohl eine zu mutige Entscheidung und wirkt für die WM 2026 verfrüht. Langfristig dürfte allerdings kein Weg an ihm vorbeigehen.

Manuel Neuer: 3 % Chance

Manuel Neuer ist offiziell zurückgetreten und doch schwebt sein Name weiterhin über der Torwartfrage bei der DFB-Elf. Kein Wunder, denn seine Klasse stellt der bereits 39-Jährige noch immer wöchentlich beim FC Bayern München unter Beweis. 

Doch Nagelsmann scheint auf die Zukunft setzen zu wollen. Ein Comeback wäre emotional zwar spektakulär, sportlich jedoch ein Bruch mit der eingeschlagenen Linie. Alles deutet daher darauf hin, dass es bei einem Gedankenspiel bleibt.

Und am Ende? 

Aktuell scheinen die Rollen klar verteilt. Oliver Baumann dürfte übernehmen, sollte Marc-André ter Stegen bis zur WM nicht ausreichend Spielpraxis sammeln können. Dahinter lauern allen voran Alexander Nübel und Noah Atubolu. Echte Überraschungslösungen könnten Finn Dahmen, Kevin Trapp, Robin Zentner, Stefan Ortega oder auch Bernd Leno darstellen, die in der aktuellen Hierarchie kaum eine Rolle spielen.

Vieles spricht aktuell dafür, dass die endgültige Entscheidung erst kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft fällt. Die im März anstehenden Freundschaftsspiele gegen die Schweiz und Ghana könnten diesbezüglich ein erster Fingerzeig sein.