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Der erhoffte WM-Boom für die US-Hotellerie gerät ins Wanken. Angesichts wirtschaftlicher Unsicherheit, geopolitischer Spannungen und eines anhaltenden „Trump Slump“ mit rückläufigen internationalen Besucherzahlen erwartet die Branche deutlich weniger Rückenwind als noch vor wenigen Wochen. Nach Einschätzung von CoStar fällt die Entwicklung bei RevPAR und Zimmernachfrage spürbar verhaltener aus als ursprünglich angenommen. Erst gestern hatten wir über die hohen Kosten berichtet.

„Wir sehen deutlich verhaltenere Optimismuswerte bei den Hotelergebnissen“, schrieb Jan Freitag, nationaler Direktor für Hospitality-Marktanalysen bei CoStar, am Donnerstag auf LinkedIn. Anlass war ein Statusbericht seines Unternehmens zur Lage vor der Weltmeisterschaft.
Für die USA rechnet CoStar während des Turniers nur noch mit einem Anstieg des RevPAR um 1,2 Prozent im Juni und 1,5 Prozent im Juli. Das teilte Chantal Wu, Senior Director of Hospitality Market Analytics bei CoStar, Forbes mit. Noch vor weniger als einem Monat hatten CoStar und Tourism Economics einen Zuwachs von 1,7 Prozent im Jahresvergleich für Juni und Juli prognostiziert – und damit bereits nur ein Viertel des Effekts, den die USA bei der WM 1994 verzeichneten.

Hotels melden schwächere Buchungen als erwartet
Auch aus der Praxis kommen inzwischen zunehmend skeptische Stimmen. „Wir sind deutlich weniger optimistisch in Bezug auf die Weltmeisterschaft als noch vor drei Monaten“, sagte Harry Carr, Senior Vice President of Commercial Optimization bei Pivot Hotels & Resorts, gegenüber CoStar. Auslöser war demnach, dass FIFA einige von seinem Unternehmen gehaltene Zimmerkontingente zurückschickte, ohne dass für das Turnier auch nur eine einzige Reservierung eingegangen war.
Bei den Hotels von HRI Lodging im Bay Area sei die Nachfrage nach reservierten Zimmerblöcken „sehr lau“, erklärte Lior Sekler, Chief Commercial Officer des Unternehmens, ebenfalls gegenüber CoStar. Nur 15 Prozent der von FIFA reservierten Zimmer seien tatsächlich abgerufen worden.
Warum die Hoffnungen auf Juli ruhen
Freitag verwies in seinem LinkedIn-Beitrag zwar auf schwache Buchungen für Juni, ließ aber Hoffnung auf einen Anstieg im weiteren Turnierverlauf durchscheinen. „Wir werden diese Geschichte zweier Weltmeisterschaften sehen, bei der das, was im Juni passiert, enttäuschend ist und das, was im Juli passiert, auf einem ähnlichen Niveau oder besser liegt“, schrieb er sinngemäß. Die Gruppenphase vom 11. Juni bis 27. Juni gilt traditionell als weniger hochkarätig, zudem scheiden ein Dutzend Nationen dort aus.
Erfahrungsgemäß wächst die Begeisterung erst mit der K.-o.-Phase, die am 28. Juni beginnt. Sobald ihre Teams weiterkommen, strömen gewöhnlich zehntausende ticketlose Fans in die Gastgeberstädte, besuchen Fan-Feste im Freien und sorgen für die typische Turnieratmosphäre. Doch genau diese Fan Festivals, die bei früheren Weltmeisterschaften ein zentraler Treiber waren, werden in einigen US-Städten zurückgefahren oder ganz gestrichen. New York und New Jersey haben das Fan Fest in Jersey City trotz früherer Ankündigungen, es während des gesamten Turniers täglich zu öffnen, abgesagt, berichtete PBS.
„Ich wäre überrascht, wenn es dieses Mal in letzter Minute einen großen Zustrom internationaler Fans gäbe“, sagte Alan Fyall, Professor am Rosen College of Hospitality Management der University of Central Florida, bereits Anfang des Monats gegenüber Forbes. „Es ist nicht mehr so einfach, kurzfristig herzukommen, wie es früher einmal war.“
Warum internationale Gäste ausbleiben könnten
Schon bei der 2026 Americas Lodging Investment Summit im Januar hatte Geoff Freeman, CEO der U.S. Travel Association, darauf hingewiesen, dass die USA 2025 „das einzige große Land der Welt“ gewesen seien, das einen Rückgang im Reiseverkehr verzeichnet habe. Zugleich stellte er infrage, ob die Trump-Regierung weiter tourismushemmende Maßnahmen wie die 250-Dollar-Visaintegritätsgebühr oder einen Vorschlag der U.S. Customs and Border Patrol vorantreiben werde, wonach einige internationale Reisende ihre Social-Media-Verläufe offenlegen müssten.
Bei derselben Konferenz fragte Marriott-Chef Anthony Capuano laut, ob die USA der Welt überhaupt noch das Gefühl gäben, willkommen zu sein. „Wenn Besucher legitime Fragen dazu stellen, wie ihr Erlebnis bei der Einreise durch Zoll und Immigration aussehen wird … dann sind das große Hindernisse, um das zu optimieren, was eigentlich eine Riesenchance für die Hotelbranche sein sollte“, sagte er den Teilnehmern.
Was weiter offen bleibt – und welche Städte profitieren könnten
Unklar ist vor allem, ob genügend internationale Fußballfans in die USA reisen werden, um die Wirtschaft spürbar anzuschieben. Eine FIFA-Analyse aus dem vergangenen Jahr bezifferte den wirtschaftlichen Effekt der Weltmeisterschaft in diesem Jahr auf 30,5 Milliarden US-Dollar und 185.000 neue Arbeitsplätze. Diese Prognose setzte jedoch Millionen zusätzliche Auslandsgäste voraus.
FIFA-Präsident Gianni Infantino betonte mehrfach, die WM-Tickets seien schnell ausverkauft gewesen. Doch einige US-Fans erhielten im Februar E-Mails mit einem 48-Stunden-Fenster zum Ticketkauf. „Sie verkaufen in erster Linie an inländische Kunden“, sagte Fyall gegenüber Forbes und fügte hinzu: „Bei den internationalen Besuchern gibt es eine große Frage.“ Das State Department hat zwar ein Prioritätssystem eingeführt, um Visa-Anträge von Fans mit Tickets schneller zu bearbeiten, doch für einen potenziell enormen Kreis weiterer internationaler Besucher bleibt das bekannte, langwierige US-Visaverfahren eine Hürde.

Tourismusverantwortliche aus drei WM-Gastgeberstädten teilten Forbes mit, FIFA habe ihnen mit einer Verteilung von 50:50 zwischen In- und Auslandsbesuchern gerechnet. Für Hotels ist dieser Mix entscheidend, weil internationale Reisende mehr ausgeben, wie Wu erklärte. Sie blieben meist länger, nutzten häufiger zusätzliche Hotelservices und sorgten am Ende für höhere Rechnungen. Außerdem trügen sie in der Regel stärker zur lokalen Wirtschaft bei, weil sie auch außerhalb des Hotels essen gehen müssten.
CoStar erwartet unter den elf US-Gastgebermärkten in zehn Fällen Wachstum während des Turniers. „Für einige der größeren internationalen Gateway-Märkte – Dallas, Los Angeles, Miami und New York – erwarten wir im Juni und Juli zweistelliges RevPAR-Wachstum“, sagte Wu. Die einzige Ausnahme sei Kansas City. Die Stadt sei kein internationales Drehkreuz, erklärte sie. „Wer aus dem Ausland kommt, muss ein paar Mal umsteigen, um nach Kansas City zu gelangen. Deshalb erwarten wir für Juni einen leichten Rückgang beim RevPAR von 0,1 Prozent und für Juli ein deutliches Minus von 6,3 Prozent.“