Am 21. Mai benennt Julian Nagelsmann seinen WM-Kader, doch ausgerechnet im Tor könnte es noch einmal spannend werden. Ein Comeback von Manuel Neuer wäre zwar eine große Überraschung, die Hinweise darauf verdichten sich jedoch. Der Bundestrainer hält sich öffentlich bedeckt, im Hintergrund wird die Entscheidung aber offenbar deutlich intensiver diskutiert als bisher nach außen vermittelt. Die FIFA hat diese Tage eine 55er Liste bekommen mit den Spielern, die potentiell mitfahren könnten. Wer nicht auf dieser Liste steht, hat keinerlei Chancen. NBur wenige Menschen wissen wie diese 55er Liste aussieht bzw. wer drauf steht.

Vor dem XXL-Turnier in Mexiko, Kanada und den USA hatte Nagelsmann eine Rückkehr des 40-Jährigen mehrfach heruntergespielt. Bei seinem Interview in München am 24. Februar sagte er: „Ich habe mich klar geäußert zu der Thematik, Manu hat ebenfalls klar gesagt, wie seine Meinung dazu ist. Er war es auch, der zurückgetreten ist. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass er es sehr gut macht, dass er ein sehr guter Torwart ist, aber wir mit Oli Baumann auch einen herausragenden Torwart haben“. Ergänzend erklärte er mit Blick auf die WM: „Wenn Oli so stabil und gesund bleibt, wie er es jetzt macht, wird er eine tolle WM spielen. Auf der Torhüterposition haben wir gar keine Bauchschmerzen.“
Diese Haltung bekräftigte Nagelsmann seitdem bei jeder Gelegenheit, unter anderem im März rund um die Länderspiele in der Schweiz, die mit 4:3 endeten, und gegen Ghana, das Deutschland 2:1 bezwang. Auch in der MagentaTV-Talkreihe mit Johannes B. Kerner vor vier Wochen blieb er bei seiner Linie: „Noch mal: Manu ist zurückgetreten, aus freien Stücken, das hat er mehrfach wiederholt und deswegen ist es gar nicht so sinnvoll, darüber stetig zu diskutieren“.
Kaderfrist, Torhüterliste und mögliche Klarheit schon am Samstag
Ganz abgeschlossen ist das Thema dennoch nicht. Einen Monat vor dem Auftakt am 14. Juni in Houston gegen Curacao stellt sich deshalb die Frage, ob Nagelsmann seine ursprüngliche Entscheidung doch noch überdenkt oder sogar schon für Neuer und gegen den fünf Jahre jüngeren Oliver Baumann aus Hoffenheim umgeschwenkt ist.
Die Antwort kommt spätestens am 21. Mai um 13 Uhr, wenn der DFB-Campus die Verkündung des 26 Mann starken WM-Aufgebots erlebt. Möglicherweise gibt es schon am Samstag erste Tendenzen, wenn Nagelsmann zunächst das Saisonfinale von Eintracht Frankfurt gegen den VfB Stuttgart verfolgt und danach im Aktuellen Sportstudio des ZDF zu Gast ist.

Bereits am Montag musste der DFB der FIFA eine vorläufige Liste mit 55 Spielern übermitteln, darunter mindestens fünf Torhüter. Für die Öffentlichkeit bleibt dieses Aufgebot zwar unsichtbar, doch es gilt als wahrscheinlich, dass neben Baumann auch Neuer, Alexander Nübel, Finn Dahmen und Jonas Urbig darauf stehen. Gerade bei den Keepern hat diese Auswahl zusätzliche Bedeutung, weil nur Akteure von dieser Liste im Notfall nachnominiert werden dürfen und Torhüter sogar noch während des Turniers ersetzt werden können.
Prominente Stimmen, starker Neuer und die Frage nach dem Verhältnis
Dass sich Neuer in den vergangenen Wochen wieder in eine beeindruckende Gesamtverfassung gespielt hat, dürfte Nagelsmann nicht entgangen sein, auch wenn der Bayern-Kapitän zuletzt nicht durchgehend fehlerfrei agierte. Besonders sein Gala-Auftritt beim 2:1 in Madrid dürfte Eindruck hinterlassen haben, als er auf großer Bühne wieder jene Aura ausstrahlte, die ihn einst zum unbestritten besten Torwart der Welt machte.
Auch der öffentliche Rückhalt ist beträchtlich. Benedikt Höwedes, Felix Magath und vor allem Lothar Matthäus positionierten sich deutlich pro Neuer. Auf der anderen Seite betonte Sami Khedira, dass Oliver Baumann mit konstant starken Leistungen seit Monaten dem Misstrauen standhalte und Rückendeckung verdiene. Khedira sagte in Madrid, noch vor Neuers Top-Spiel: „Den Oli Baumann killen wir gerade. Das hilft weder Julian noch Deutschland noch dem Jungen selber“.
Ob Nagelsmann sich von solchen Wortmeldungen beeinflussen lässt, ist fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass ihn die Debatte darüber stört, dass ein angeblich belastetes Verhältnis zu Neuer als Hauptgrund einer möglichen Nichtberücksichtigung gehandelt wurde. Matthäus hatte sogar behauptet: „Das Tischtuch zwischen ihnen sei so zerschnitten, das kann der beste Schneider nicht mehr zusammennähen“.
Sowohl Nagelsmann als auch Neuer betonten jedoch mehrfach glaubhaft, dass zwischen ihnen kein Bruch besteht und der Austausch regelmäßig läuft. Die schweren Spannungen aus Nagelsmanns Zeit als Bayern-Trainer im Januar 2023, als er während Neuers Beinverletzung den langjährigen Vertrauten Toni Tapalovic als Torwarttrainer entließ, gelten nach übereinstimmender Darstellung beider Seiten als ausgeräumt.
Auch die Kommunikationsprobleme rund um Neuers Rücktritt aus der Nationalmannschaft nach der Heim-EM 2024 sollen nicht gravierend gewesen sein. Gleichzeitig bleibt die entscheidende Nuance bestehen, dass Neuer sich damals vor allem deshalb zurückzog, weil er davon ausgehen musste, dass Nagelsmann den langjährigen Herausforderer Marc-André ter Stegen als WM-Stammkeeper aufbauen und befördern wollte. Ter Stegens groteskes Verletzungspech machte diese Planung früh zunichte.
Heute verweist Nagelsmann immer wieder auf Neuers Rücktritt als ersten Grund für eine Nichtberücksichtigung bei der WM. Neuer wiederum hat einen Rücktritt vom Rücktritt bislang kategorisch ausgeschlossen. Ob es dabei bleibt, wird sich zeigen. Klar ist nur, dass Neuer nur dann ein Comeback in Erwägung zieht, wenn er von Nagelsmann das eindeutige Signal bekommt, dass der Bundestrainer wieder auf ihn setzt.