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Der deutsche Bundestrainer Julian Nagelsmann wurde lange als Meister der Kommunikation gesehen. Doch ausgerechnet vor der WM im Sommer steht der Bundestrainer wegen seiner öffentlichen Auftritte massiv in der Kritik. Ob er viel sagt oder schweigt, die Debatte über seine Glaubwürdigkeit ist längst entbrannt.

Kritik an Aussagen und Auftritten
Der 38-Jährige hat in seiner Trainerlaufbahn viele Rollen ausgefüllt. Er war der Jungstar, der Taktik-Nerd, der 25-Millionen-Euro-Coach, Münchens Corona-Außenminister und zuletzt der Staatsmann mit der Ruck-Rede nach dem bitteren EM-Aus 2024. Reden war für ihn nie das Problem, ob als „Julsi“ oder „Herr Nagelsmann“. Doch nun trifft ihn der Vorwurf, gerade in seiner größten Aufgabe die Kommunikation nicht im Griff zu haben.
Die Fußball-Nation stört sich an seinen öffentlichen Auftritten, und zwar von Uli Hoeneß über Lothar Matthäus bis hin zu Philipp Lahm und Matthias Sammer. Selbst wenn Nagelsmann wie am Samstag im Aktuellen Sportstudio des ZDF zur Causa Manuel Neuer viel redet, entsteht der Eindruck, dass er inhaltlich ausweicht. Sein Verhalten in der plötzlich wieder aufgeflammten Debatte um eine mögliche Rückkehr des früheren Weltmeister-Torwarts hat sein Ansehen schon jetzt deutlich beschädigt.
Glaubwürdigkeitsfrage vor der Kaderbekanntgabe
Der frühere Weltklasse-Keeper Oliver Kahn bezeichnete es als „schon abenteuerlich“, dass Nagelsmann vor der Verkündung seines viel diskutierten WM-Kaders am Donnerstag um 13.00 Uhr überhaupt über einen Torwartwechsel nachdenke. Gleichzeitig stellte er eine grundsätzliche Frage: „Wie glaubwürdig, wie verlässlich sind denn jetzt Aussagen, wenn sie hier in Zukunft kommen?“ Für Kahn steckt der Bundestrainer damit mitten in einer Glaubwürdigkeitskrise, knapp vier Wochen vor dem WM-Auftakt gegen Außenseiter Curacao in Houston.
Nagelsmann selbst galt doch immer als der große Kommunikator. Dieses Bild hat inzwischen deutliche Risse bekommen. Schon in München geriet er mit seiner teils sehr selbstbewussten Art ins Stolpern, nun zeigt sich das Problem auch im neuen, größten Amt. Seine vollmundige Aussage nach der Heim-EM, es dauere jetzt zwei Jahre, „bis man Weltmeister wird“, kam nicht überall gut an.

Selbstgefälligkeit oder Lernprozess
Hinzu kamen in den vergangenen Monaten immer wieder Patzer in der Außendarstellung. Dazu zählten seine Einzelkritik an Spielern im kicker, sein Umgang mit Deniz Undav und die erneute Torwartfrage. Hoeneß stellte dem Bundestrainer ein schlechtes Zeugnis aus und sagte, ihm fehle ein Stück weit „diese Bereitschaft, zuzuhören und anzunehmen“. Zugleich warf der Bayern-Patron ihm unverhohlen Selbstgefälligkeit vor und sagte: „Unser Bundestrainer glaubt, er gewinnt das Spiel. Nein, die Mannschaft gewinnt das Spiel.“
Auch Sammer ordnete Nagelsmanns Auftritte kritisch ein und verwies auf Vincent Kompany von Bayern als klügeren und besseren Kommunikator. Der Bundestrainer wolle bei seinen Auftritten stets zu viel, betonte er. „Die WM“ aber, stellte Sammer klar, „wird nicht mit Worten gewonnen.“
Beim DFB rückte man dem eigenen Chefcoach dennoch demonstrativ den Rücken. Geschäftsführer Andreas Rettig meinte: „Ganz so schlecht ist unser Trainer nicht, wie der ein oder andere erklärt.“ Sportdirektor Rudi Völler äußerte sich ähnlich, ließ dabei aber auch eine Mahnung anklingen: „Als Bundestrainer muss man wissen, dass die ganze Nation bestimmte Entscheidungen hinterfragt. Da muss man Kritik aushalten können – auch die von Uli Hoeneß.“
Nagelsmann wiederum betonte, er erkenne in jeder Kritik „ein Fünkchen Wahrheit“ und sei keineswegs beratungsresistent. Der Boulevard verlangte derweil am Tag der Nominierung den nächsten Ruck-Moment. „Der Bundestrainer“, schrieb Bild am Montag, „muss jetzt das Land mitreißen!“ In der Rolle als großer Kommunikator.