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Esther Sedlaczek hat im Gespräch mit web.de über die oft diskutierte Rolle von Frauen im Sportjournalismus, die Balance zwischen harter Kritik und Empathie sowie die Entwicklung von Bastian Schweinsteiger als TV-Experte gesprochen. Die ARD-Moderatorin, eines der bekanntesten Gesichter des deutschen Sportfernsehens, begleitet große Fußballturniere, führt Interviews mit den prägenden Figuren des Sports und arbeitet regelmäßig mit dem früheren Weltmeister zusammen.

Im Zentrum des Interviews steht dabei auch die Frage, wie viel Kritik im Sportjournalismus angebracht ist. Sedlaczek, die bei Sky groß geworden ist, betont, dass dort sehr kritisch gearbeitet werde und sie dieses Verständnis ebenso bei den Öffentlich-Rechtlichen sehe. Es gehöre dazu, bei Bedarf nachzuhaken und den Finger in die Wunde zu legen. Gerade Interviews direkt nach dem Spiel seien oft unangenehm, weil dort die Fragen gestellt würden, die die Menschen zu Hause beschäftigen. Gleichzeitig gebe es immer Stimmen, denen das zu hart oder wiederum zu weich sei. Die eigentliche Aufgabe sei es, die richtige Balance zu treffen. Einen grundsätzlich zu unkritischen Sportjournalismus erkennt sie nicht.
Die Chemie mit Schweinsteiger ist gewachsen
Besonders eng arbeitet Sedlaczek mit Bastian Schweinsteiger zusammen, doch entscheidend sei dabei nicht zwingend eine private Nähe. Auch mit Experten, zu denen sie kein besonders enges Verhältnis habe, könne man gut funktionieren. Bei ihr und Schweinsteiger sei es ähnlich: Vor der Kamera passe es sehr gut, man sehe sich vor allem an den Übertragungstagen, stimme sich ab, lege Themen fest und arbeite dann professionell zusammen. Was das Duo auszeichne, sei die lockere Art. Man könne sich auch einmal foppen, ohne dass es dem anderen übel genommen werde. Jeder lasse dem anderen den Raum, so zu sein, wie er ist.
Ganz von selbst sei diese Zusammenarbeit aber nicht entstanden, sagt Sedlaczek. Sie kannten sich schon aus der Zeit am Spielfeldrand, als sie ihn mehrfach als Spieler interviewt habe. Dass daraus eine so harmonische Konstellation wurde, habe sich über die Jahre entwickelt und nicht auf Knopfdruck ergeben. Mal mache der eine einen Witz, mal reagiere der andere genau richtig. Erst dadurch entstehe das Vertrauen, dass der andere einen Spruch nicht krumm nimmt.
Warum

Expertenrolle Zeit braucht
Auf die Entwicklung Schweinsteigers als Experte angesprochen, verweist Sedlaczek auf die Größe des Rollenwechsels. Man dürfe nicht unterschätzen, wie umfassend dieser Schritt sei. Wer aus der Spielerrolle komme und plötzlich andere Spieler oder frühere Gegenspieler bewerten und vielleicht auch kritisieren solle, müsse sich erst einmal orientieren. Sedlaczek kann sich gut vorstellen, wie oft Schweinsteiger sich früher selbst über Experten geärgert habe und nun in genau dieser Position stehe. Deshalb müsse man zunächst für sich klären, wie weit man gehen wolle und wie weit man gehen könne. Das sei ein Prozess.
Mit der Zeit werde vieles leichter, erklärt sie weiter. Ein Grund dafür sei auch, dass immer weniger direkte Weggefährten noch aktiv seien. Dadurch falle es einfacher, klarer zu formulieren und auch kritischer zu werden. Gleichzeitig wachse das Selbstbewusstsein, eine eigene Meinung zu vertreten. Schweinsteiger habe daher an Profil gewonnen, sagt Sedlaczek, und das sei völlig normal. Sie selbst moderiere heute schließlich auch anders als vor 15 Jahren.
Empathie heißt für Sedlaczek nicht Zurückhaltung um jeden Preis
Zum Abschluss spricht Sedlaczek darüber, was für sie ein gutes Interview im Umfeld der Nationalmannschaft ausmacht. Eine allgemeingültige Bewertung gebe es nicht, denn jeder beurteile Interviews anders. Ihr sei wichtig, sich auf die jeweilige Situation einzulassen, fachlich wie menschlich. Empathie bedeute für sie nicht, immer nett zu sein, sondern im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen. Dazu gehöre auch, nachzuhaken, wenn jemand ausweiche oder nicht auf den Punkt komme. Wenn etwas nicht gut gewesen sei, dürfe man das klar ansprechen. Es gebe aber ebenso Momente, in denen Zurückhaltung passender sei.
Als Beispiel nennt sie das Interview nach dem Spanien-Spiel bei der EM 2024. Julian Nagelsmann sei in dieser Situation sehr emotional gewesen. Genau deshalb wäre es falsch gewesen, dort mit harten Nachfragen einzusteigen. Entscheidend sei am Ende das richtige Gespür dafür, wann Nachhaken nötig ist und wann Zurückhaltung die bessere Wahl darstellt.