Inhaltsverzeichnis - das findest du hier
Mit 40 Jahren hat Manuel Neuer im Bernabéu einmal mehr bewiesen, dass er nicht zu alt und nicht zu langsam ist. Beim 2:1-Auswärtssieg des FC Bayern bei Real Madrid entschärfte der Torhüter vor allem einen wuchtigen Abschluss von Kylian Mbappé und stellte damit den Grundstein für den Hinspielerfolg im Champions-League-Duell. Seine Parade kam in einem Spiel, das große Bühne, Drama und Theater zugleich war. Zur Fußball WM will er nicht fahren, auch wenn das Verhältnis zum Bundestrainer gut sein sollte.

Neuer setzt das Bernabéu unter Druck
Der Moment des Abends gehörte beinahe Mbappé: Der Franzose hatte den Ball aus voller Drehung sauber getroffen, der Schuss jagte Richtung Eck, das Bernabéu stand bereits unter Strom, Real lag mit 0:2 zurück und die Fans peitschten ihre Mannschaft nach vorne. Doch Neuer flog ab, streckte einen Arm wie aus Stahl aus und lenkte den Ball um den Pfosten. Mbappé drehte bereits zum Jubel ab, stoppte dann aber ungläubig mit weit aufgerissenen Augen.
Es war nicht die einzige Aktion des Bayern-Kapitäns. Insgesamt kam er auf neun Paraden, parierte links wie rechts, mit den Füßen und mit dem Körper, und räumte zudem immer wieder weit vor dem Strafraum auf. So hielt er den Münchner Vorsprung fest, sicherte den Auswärtssieg und verdiente sich die Auszeichnung als Spieler des Spiels. Dazu gab es im Bernabéu einen kleinen Abschiedsmoment auf der großen Bühne – die Chance, die Arena diesmal zu seinen Bedingungen zu verlassen.
Zwischen alte Stärke und neuer Verwundbarkeit
Früher verkörperte Neuer absolute Sicherheit. Er dominierte seinen Strafraum, führte ihn mit viel Autorität und spielte die Position mit einem Selbstverständnis, das kaum ein anderer Keeper in der Fußballgeschichte so besaß. Er war der Leuchtturm im Sturm, scheinbar unerschütterlich und unangreifbar, und selbst Fehler konnten ihm damals wenig anhaben.
Diese Zeit liegt hinter ihm. Seit er Mitte dreißig ist, wird in der deutschen Öffentlichkeit immer wieder über seine Nachfolge diskutiert. Früher galten einzelne Patzer als Ausreißer, inzwischen lösen sie sofort Debatten über seine Belastbarkeit und seine Zukunft aus. Genau das passierte auch bei der einzigen Europapokal-Niederlage des FC Bayern in dieser Saison gegen Arsenal: Damals eilte Neuer aus seinem Tor, wie er es über Jahre hinweg hunderte Male getan hatte, doch Gabriel Martinelli kam zuerst an den Ball und lief zum 3:1 ins leere beziehungsweise verlassene Tor.
Zu alt, zu langsam.

Die Zweifel begleiten jede Schwächephase
Auch das vergangene Wochenende fütterte diese Diskussionen. Beim 3:2 gegen Freiburg, als die Bayern am Samstag dank eines Treffers in der 99. Minute ihren Neun-Punkte-Vorsprung an der Bundesliga-Tabellenspitze verteidigten, half Neuer den Gästen zunächst dabei, eine 2:0-Führung aufzubauen. Den ersten Gegentreffer ließ er aus der Distanz zu, weil er bei dem ins lange Eck absinkenden Schuss eher träge wirkte. Beim zweiten Tor klatschte er eine Flanke nur unzureichend weg.
Zu alt, zu langsam.
Vertraglich ist Neuer nur noch drei Monate an die Bayern gebunden, ein Hinweis auf eine Verlängerung fehlt bislang. Sportlich spielt er zwar eine sehr gute Saison, seine beste seit mehreren Jahren, doch sein Körper zeigt immer deutlicher die Spuren von mehr als zwei Jahrzehnten Profifußball. Es ist der Spätherbst seiner Karriere. Sein erstes Spiel für Schalkes zweite Mannschaft absolvierte er im April 2004 – zwei Monate nach der Einführung des iPod Mini und dem Start von „TheFacebook“ an der Harvard University. Torhüter altern langsamer als Technik, aber auch bei ihm wird das Alter sichtbar.
Seit seinem Beinbruch im Dezember 2022 hat Neuer sieben schwere Muskelverletzungen erlitten. Wenn seine Form schwankt, ist auch die körperliche Verlässlichkeit brüchiger geworden. Seine jüngste Verletzung, das dritte Problem mit der weichen Muskulatur in dieser Saison, brachte Bayern in eine Torhüterkrise, die beinahe dazu geführt hätte, dass ein 16-jähriger Unbekannter in der Champions League gegen Atalanta hätte auflaufen müssen. Für einen Spitzenklub ist das kein tolerierbarer Zustand. Die nächste Verletzung wird kommen; in seinem Alter ist das Gewissheit. Das Ende nähert sich. Selbst Manuel Neuer kann nicht ewig weitermachen.
Gerade deshalb hatte dieser Auftritt Gewicht. Er gehörte in jede Diskussion über seine besten Champions-League-Abende, war spektakulär und trotzig, mutig sogar – auch weil er an genau diesem Tor, unter genau diesen Pfosten, schon einmal einen bitteren Rückschlag erlebt hatte. Bayern reist mit einem Vorsprung nach Deutschland zurück, und einer der Hauptgründe dafür steht zwischen den Pfosten.
Nicht zu alt. Nicht zu langsam. Noch nicht.