Aleksander Ceferin hat Gianni Infantino den Kampf angesagt, doch die Kritik des UEFA-Chefs hat einen entscheidenden Haken: Er droht zwar mit dem Sturz des FIFA-Präsidenten, will das Amt selbst aber nicht übernehmen. Ob aus der verbalen Kampfansage tatsächlich eine ernsthafte Gefahr für Infantino erwächst, bleibt vorerst offen.

Auf der imaginären Liste möglicher Herausforderer für die kommende FIFA-Wahl tauchte der Name Ceferin naturgemäß auf. Eine tatsächliche Kandidatur des mächtigen UEFA-Präsidenten wäre allerdings eine deutlich größere Überraschung gewesen als seine nun erfolgte Absage. Stattdessen wählte Ceferin den Weg der Konfrontation über Bande: Infantino solle zurücktreten, sonst werde ihn eben ein anderer herausfordern.
Mit Drohungen ist das jedoch immer so eine Sache, denn ihre Wirkung entscheidet sich erst im Ernstfall. Dass Ceferin den Umsturz an der FIFA-Spitze anstrebt, gilt als ausgemacht. Die eigene Bewerbung schloss er jedoch aus, was strategisch durchaus klug erscheint. Schließlich dürften die Erfolgsaussichten der Europäer deutlich steigen, wenn nicht ein Vertreter des eigenen Kontinents, sondern ein Nicht-Europäer gegen Infantino antritt. Das gilt umso mehr, als der amtierende FIFA-Boss derzeit selbst vor einem reichen und arroganten Europa warnt.

Montaglianis Kalkül und die Rolle der UEFA
Genau an dieser Stelle rückt Victor Montagliani in den Fokus. Der Kanadier steht als Präsident dem Verband der nord-, mittelamerikanischen und karibischen Nationen (CONCACAF) vor und gilt als möglicher Gegenkandidat. Wann er tatsächlich aus dem Hintergrund tritt und Infantino offiziell herausfordert, ist noch nicht absehbar. Zuvor dürfte er sich vergewissern wollen, dass eine reale Siegchance besteht, denn ein aussichtsloses Antreten würde ihm politisch kaum nützen.
Diese Gewissheit ist derzeit alles andere als gegeben. Infantino kämpft im Verborgenen mit großer Ausdauer um die Gunst der Verbände und sichert sich Unterstützer. Montagliani wiederum setzt auf den Rückhalt der UEFA. Wie stabil dieser europäische Widerstand tatsächlich ist, wie viele Funktionäre insgeheim doch zu Infantino tendieren und wie die allgemeine Stimmungslage innerhalb des Weltverbands aussieht, lässt sich derzeit kaum seriös einschätzen. Der Machtkampf hat ordentlich Staub aufgewirbelt, der sich nur langsam wieder legt. Klar scheint immerhin: Einen Rücktritt, wie ihn Ceferin fordert, wird es von Infantino nicht geben.

Berlin, 05.10.2021,
Photo: Thomas Boecker/DFB
Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand
Seinen eigenen Verzicht auf eine Kandidatur begründete Ceferin mit Verweis auf seine Glaubwürdigkeit. Genau diese wird jedoch bereits in der kommenden Woche bei der Frauen-U20-Weltmeisterschaft auf eine erste harte Probe gestellt. Als Reaktion auf Infantinos ambitionierte, von vielen als größenwahnsinnig kritisierte Pläne für einen WM-Investorenfonds hatten Kritiker mit einem Boykott von FIFA-Turnieren gedroht. Bislang ist jedoch nicht erkennbar, dass sich europäische Nationalmannschaften einem solchen Turnier tatsächlich fernhalten würden.
Damit droht diese Ankündigung zur leeren Geste zu verkommen, glaubwürdig wirkt sie in dieser Form jedenfalls nicht. Irgendwann muss aus der bloßen Drohkulisse eine konkrete Handlung werden. Andernfalls bleibt es beim lautstarken Getöse, ohne dass für Infantino eine echte Gefahr entsteht.
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