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Diplomatische Zurückhaltung war noch nie Tebas‘ Sache. Schon seinen jahrelangen Streit mit dem inzwischen zurückgetretenen spanischen Verbandschef Luis Rubiales, der nach der Kuss-Affäre um Jenni Hermoso sein Amt räumen musste, trug er offen und kompromisslos aus. Nun nimmt sich der 63-Jährige die Organisation der WM 2026 vor, bei der er selbst mehrere Partien live im Stadion verfolgte.
Im Gespräch mit der „Gazzetta dello Sport“ wirft Tebas dem Weltverband vor, das Turnier ausschließlich nach eigenem Gutdünken und im eigenen wirtschaftlichen Interesse zu steuern statt im Sinne des Sports. Als Beispiel nennt er die vieldiskutierten Trinkpausen von teils 27 Minuten Länge, die aus seiner Sicht mit sportlicher Notwendigkeit wenig zu tun haben.
Klimaanlage statt Hitzeschutz: Tebas nennt Trinkpausen eine Farce
Besonders deutlich wird der Ligapräsident bei der Begründung für diese Unterbrechungen. In La Liga kämen sie ausschließlich bei extremer Hitze zum Einsatz, in den WM-Stadien von Dallas, Los Angeles und Atlanta hingegen habe er trotz laufender Klimaanlagen sogar zu einem Pullover greifen müssen, um die kühlen Temperaturen auf der Tribüne auszuhalten. Für ihn steht daher fest, dass es sich um nichts anderes als eingeschobene Werbeblöcke handelt. Auch der Fall Folarin Balogun bleibt in seiner Abrechnung nicht unerwähnt. Der Verteidiger des US-Amerikaners sei nur deshalb glimpflich verlaufen, weil Belgien die USA aus dem Turnier warf. Wäre den US-Boys stattdessen der Einzug in die nächste Runde geglückt, hätte der Vorfall laut Tebas durchaus das Zeug gehabt, Infantino den Posten zu kosten. Durch das Aus der Amerikaner habe man die Angelegenheit stattdessen bequem unter den Teppich kehren können, was für ihn allerdings nur die Spitze eines größeren Problems darstellt.
Schweigende Kritiker im Hintergrund
Eine Trendwende erwartet Tebas trotz spürbaren Unmuts hinter den Kulissen nicht. Er unterscheidet zwischen aktiven Mitläufern, die fragwürdige Entscheidungen des Systems mittragen, und stillen Komplizen, die zwar in privaten Gesprächen oder beim Kaffee ihre Bedenken äußern, öffentlich aber schweigen und nichts unternehmen, um künftige Wiederholungen zu verhindern. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die wachsende Belastung der Profis durch den völlig überfrachteten internationalen Terminkalender. Tebas erinnert daran, dass sein Verband dieses Problem längst wiederholt angeprangert habe, während die FIFA nun sogar eine Ausweitung der Weltmeisterschaft auf 64 Mannschaften plane. Aus seiner Sicht ergibt eine solche Vergrößerung der Teilnehmerzahl im Nationalmannschaftsbereich keinerlei Sinn, schließlich seien es die nationalen Ligen, die den Fußball als Wirtschaftszweig überhaupt am Leben hielten. Ein 40-tägiges Großereignis, an dem letztlich nur ein Bruchteil der Spieler teilnehme, gefährde damit Zehntausende Arbeitsplätze in der Branche.
Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Schweigen oder Mittäterschaft.
Javier Tebas
Klare Ansage in Richtung Infantino
Beim Blick auf die Verantwortlichen zeigt Tebas direkt auf FIFA-Präsident Gianni Infantino. Dessen Zeit an der Spitze des Verbands sei abgelaufen, ein Rücktritt überfällig. Gleichzeitig räumt er ein, dass Infantino weiterhin auf den Rückhalt des Establishments und der nationalen Verbände zählen könne. Da bislang kein ernsthafter Gegenkandidat bereitstehe, weil niemand eine Wahl verlieren wolle, sieht Tebas das gesamte System als strukturell fehlerhaft an. Während seines Aufenthalts in den USA habe er zahlreiche Stimmen wahrgenommen, die sich kritisch über Infantinos Kurs äußerten und mit dessen Vorgehen keineswegs einverstanden seien. Doch auf die verbalen Bedenken folgten in aller Regel keine Konsequenzen. Sein Fazit zur allgemeinen Zurückhaltung innerhalb der Fußballwelt bringt Tebas mit deutlichen Worten auf den Punkt: Wer schweige, wisse genau um den Schaden, den der Sport dadurch nehme, und mache sich damit im Grunde ebenso mitschuldig wie jene, die aktiv mitwirken.