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Japans spätes 2:2 gegen die Niederlande war mehr als nur ein Achtungserfolg. Es war bereits das vierte ungeschlagene Duell eines Teams aus der asiatischen Konföderation gegen eine europäische Mannschaft bei dieser WM. Nach den ersten Tagen ist das noch kein Beweis für einen dauerhaften Machtwechsel im Weltfußball, doch die Signale sind deutlich.

Der Auftakt setzte gleich ein Ausrufezeichen: Südkorea bezwang Tschechien, und auch Australien sowie Katar sammelten gegen europäische Gegner bemerkenswerte Resultate. Dabei fiel vor allem auf, dass die asiatischen Mannschaften nicht nur auf Kampf und Kompaktheit setzten, sondern phasenweise mit technischer Klarheit und taktischer Reife auftraten.
Starke Auftritte von Südkorea, Australien und Katar
Dass Südkorea am ersten Turniertag gegen die Tschechische Republik gewann, kam für alle, die das Playoff-Halbfinale der Tschechen gegen Irland gesehen hatten, nicht völlig überraschend. Das Team wirkte schon damals schwerfällig, behäbig und fast ausschließlich auf Standards sowie lange Bälle festgelegt. Trotzdem war bemerkenswert, wie mühelos Südkorea die Partie mit seinem Passspiel kontrollierte. Wäre Son Heung-min noch der Spieler von vor drei oder vier Jahren gewesen, hätte der Sieg deutlich höher ausfallen können.
Auch Australiens Erfolg über die Türkei gehörte zu den auffälligen Ergebnissen. Von einer echten Repräsentation der europäischen Spitze konnte bei dieser Türkei nach den mühevollen 1:0-Erfolgen über Rumänien und Kosovo in den Uefa-Playoffs ohnehin kaum die Rede sein. Zugleich war es nicht so, dass die Socceroos den Gegner klar überrannten. Die Türken kamen auf 30 Abschlüsse, scheiterten aber immer wieder an Patrick Beach, der acht Paraden zeigte. Australiens Plan funktionierte dennoch, und von einem bloßen Glücksraub konnte bei genauerem Hinsehen keine Rede sein.

Katar erkämpfte sich gegen die Schweiz ein 1:1, allerdings weniger wegen ausgefeilter Strategie als aufgrund günstiger Spielumstände. Das Team zog sich tief zurück, nahm bewusst wenig Risiko und kam damit durch, weil die Schweizer reihenweise Chancen liegen ließen. Selbst das Tor der Eidgenossen, ein Elfmeter von Breel Embolo in der ersten Halbzeit, war umstritten, weil die halbautomatische Abseitserkennung in diesem Moment offenbar ausfiel. Erst ein Eigentor von Miro Muheim in der Nachspielzeit brachte Katar den Ausgleich. Bei 26:6 Torschüssen für die Schweiz hätte das Resultat an einem anderen Tag auch drei oder vier Tore höher zugunsten der Europäer ausfallen können.
Japans Auftritt weckt neue Fragen
Das spannendste Spiel war dennoch das Remis zwischen Japan und den Niederlanden. Selbst ohne die drei Leistungsträger Kaoru Mitoma, Wataru Endo und Takumi Minamino zählte Japan schon vor dem Anpfiff zu den hochgehandelten Teams, und die Auswahl bestätigte diesen Eindruck. Es waren bislang überhaupt erst zwei echte Schwergewichtsduelle dieser WM zu sehen, Brasilien gegen Marokko und die Niederlande gegen Japan, und beide endeten unentschieden. In beiden Partien schien die aufstrebende Mannschaft das Spiel leicht zu kontrollieren und zugleich jenen Stil zu verkörpern, der sonst eher dem Gegner zugeschrieben wird.

Marokko trat mit flüssigem Kombinationsspiel und spürbarer Spielfreude auf, mit einer angenehmen Leichtigkeit im Passspiel. Japan wiederum wechselte ständig die Positionen, hatte zwar nur 40 Prozent Ballbesitz, aber in den Angriffen eine Klarheit und Präzision, die an die Niederländer in ihren besten Phasen erinnerte. Entscheidend war dabei, dass sich keine Spur von Minderwertigkeitsgefühl zeigte.
Japans Coach Hajime Moriyasu hat genau diesen Punkt in den vergangenen Monaten immer wieder angesprochen. Er fürchtet eine mentale Blockade seiner Mannschaft, sobald es um den Sprung über das Achtelfinale hinaus geht, und versucht gegenzusteuern, indem er seine Spieler offen als mögliche Weltmeister bezeichnet. Das kann als psychologischer Kniff verstanden werden, um die letzte Hürde zu überwinden. Gleichzeitig drängt sich aber auch die Frage auf, warum ein Team wie die Niederlande als Titelkandidat gelten soll, Japan jedoch nicht.
Warum der AFC den Uefa-Teams immer näher kommt
Linksverteidiger Keito Nakamura, der das erste Tor erzielte, gehörte zu den beiden japanischen Startern mit einer Passquote von 90 Prozent. Der andere war Innenverteidiger Hiroki Ito. Daichi Kamada zeigte sich im Zentrum der Mittelfeldzentrale aggressiv und klug, Junya Ito brachte von der Bank zusätzliche Kreativität. Dazu kommt der erst 23 Jahre alte Zion Suzuki, dem zugetraut wird, einmal der beste japanische Torhüter aller Zeiten zu werden. Ein kleiner Wermutstropfen blieb Stürmer Ayase Ueda, der sich nur schwer durchsetzen konnte, auch wenn er bei Feyenoord in der vergangenen Saison gezeigt hatte, wie wirkungsvoll er sein kann.

Früher haben AFC-Teams gegen Uefa-Gegner oft an Selbstvertrauen eingebüßt. Davon war in diesem Turnier bislang wenig zu sehen. Japan feierte den Ausgleich zwar wie jede Mannschaft, die einen Punkt rettet, doch der Frust über den Rückstand war deutlich. In der Gruppe treffen Erster und Zweiter später auf Zweiter und Erster aus der Staffel mit Brasilien, Marokko, Schottland und Haiti. Genau deshalb ist längst nicht klar, ob es überhaupt leichter wäre, auf Marokko oder Japan zu treffen als auf Brasilien oder die Niederlande.