Tage, Wochen, Monate oder doch noch mehrere Jahre an der FIFA-Spitze? Nach dem Scheitern seines milliardenschweren Investorenplans am geschlossenen Widerstand der Kontinentalverbände steht Gianni Infantino plötzlich vor der Frage, wie lange er sich überhaupt noch im Amt halten kann. Für den Schweizer geht es seit dieser Woche nur noch darum, seinen Chefsessel beim Weltverband zu retten.

Dass UEFA, CONCACAF und AFC es geschlossen ablehnen, Anteile an FIFA-Turnieren an private Geldgeber zu veräußern, heißt zwar nicht automatisch, dass ihm bei der Präsidentschaftswahl im März 2027 die Gefolgschaft verweigert wird. Doch selbst der machtbewusste Verbandschef dürfte inzwischen begriffen haben, in welch prekärer Lage er sich befindet. Die entscheidende Frage lautet nun, mit welcher Strategie er sich aus dieser Sackgasse manövriert. Wedelt er erneut mit Finanzspritzen, um Widerständler umzustimmen? Oder lockt er die Verbände mit der Aussicht auf ein noch größeres WM-Teilnehmerfeld? Infantino und jene Verbündeten, die das wankende Schiff nicht vorschnell verlassen, um ihren eigenen Ruf zu wahren, dürften alles daransetzen, Risse in der Front der Gegner zu finden. Dennoch wird es zusehends einsamer um den Präsidenten, der nach monatelangem Verweilen in der Nähe von Donald Trump offenbar das Gespür für die Stimmungslage in den eigenen Reihen verloren hat und nun erkennen muss, dass sich Einfluss nicht allein durch Geld erkaufen lässt.
Machtprobe zwischen Infantino und der UEFA
Für viele Funktionäre innerhalb der UEFA ist genau der Moment gekommen, auf den sie lange gewartet haben. Zaudern die europäischen Verbände jetzt jedoch, verschafft das Infantino zusätzlichen Spielraum, um die Scherben seines gescheiterten Vorhabens zusammenzukehren und seine Machtbasis womöglich sogar über das Jahr 2031 hinaus auszubauen. Ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt, wozu der Weltverbandschef fähig ist: Als er vor fünf Jahren versuchte, den WM-Rhythmus auf einen Zwei-Jahres-Zyklus zu verkürzen, und am Veto von Europäern und Südamerikanern scheiterte, ging er aus diesem Machtkampf gestärkt hervor. Mögliche Herausforderer wie UEFA-Präsident Aleksander Ceferin oder der katarische PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi dürften Infantino aber nur dann offen angreifen, wenn sie nach Sondierungsgesprächen mit anderen Kontinentalverbänden reale Siegchancen wittern. Wer indes darauf hofft, dass nach einem möglichen Sturz Infantinos ein neuer, moralisch integrerer Geist im Weltverband einzieht, der Prinzipien über Profit stellt, dürfte angesichts der teils scheinheiligen Haltung der UEFA enttäuscht werden.
FIFA treibt parallel WM-Aufstockung auf 64 Teams voran
Während der Machtkampf um Infantinos Zukunft tobt, lässt der Weltverband offenbar auch die nächste Großbaustelle nicht ruhen: eine mögliche Aufstockung der Fußball-Weltmeisterschaft auf 64 Mannschaften. Wie unter anderem der Guardian berichtete, will die FIFA die Konsequenzen einer solchen Erweiterung in einem außergewöhnlich engen Zeitfenster prüfen lassen. Ein unabhängiges Beratungsunternehmen soll damit beauftragt werden, die Auswahl des Dienstleisters soll bis zum 14. August abgeschlossen sein. Bereits am 11. September, so der Plan, soll das Ergebnis der Untersuchung vorliegen. Der Weltverband steht ohnehin bereits wegen der Investorenpläne Infantinos, Turnieranteile an private Geldgeber zu verkaufen, unter erheblichem Druck. Die UEFA drohte in diesem Zusammenhang bereits mit einem Boykott, auch CONCACAF und AFC erteilten dem Vorhaben eine Absage, womit das Projekt faktisch vor dem Scheitern steht. Die Idee einer weiteren Ausweitung des Teilnehmerfeldes ist für Infantino freilich nicht neu. Bereits während der ersten WM mit 48 teilnehmenden Nationen in den USA, Mexiko und Kanada hatte er eine mögliche Erweiterung in Aussicht gestellt. Man müsse darüber in den zuständigen Gremien beraten, erklärte der umstrittene Verbandschef damals. Rückendeckung erhält er dabei von der südamerikanischen Konföderation CONMEBOL, die sich durch eine Aufstockung mehr Partien auf eigenem Kontinent bei der WM 2030 erhofft. Bislang sind dort lediglich drei Begegnungen vorgesehen, während Spanien, Portugal und Marokko als Hauptausrichter fungieren.