Inhaltsverzeichnis - das findest du hier
Der zweite Stern, der erste WM-Titel seit 1966, lag für England ungewöhnlich nah. Die Voraussetzungen wirkten wie gemacht für den großen Wurf: ein Luxuskader und ein Thomas Tuchel, der sogar der Ansicht war, dass sein Team auch ohne Trent Alexander-Arnold, Phil Foden und Cole Palmer Weltmeister werden könne. Dazu ein Coach, der in England wegen seines deutschen Passes nicht überall geliebt wurde, dem aber dennoch zugetraut wurde, wie schon 2021 mit dem FC Chelsea in der Champions League auch die Three Lions zur Krone zu führen. Und selbst der Turnierbaum sah bis zum Halbfinale freundlich aus. Das Aus gegen den amtierenden Weltmeister Argentinien und Lionel Messi ist keine Blamage, schmerzt die Engländer aber trotzdem wie ein Albtraum.

Tuchel zwischen Verantwortung und Restzweifeln
Wenn nach dem Scheitern nach Gründen gesucht wird, landet man schnell beim Chefcoach. Ist das fair? Tuchel war mit einem klaren Auftrag gestartet, den der Verband ihm mit auf den Weg gegeben hatte: den zweiten Stern holen. Dafür warf er alles in die Waagschale, brachte Herz, Leidenschaft und Fachwissen ein. Sogar mehr Lockerheit forderte er von seiner Mannschaft, obwohl er als akribischer Planer gilt, der jeden Pass bis ins Detail vorbereitet und nichts dem Zufall überlassen will. Seine öffentliche Kritik nach dem Sieg gegen Norwegen könnte den Schwung allerdings gebremst haben. Tuchel ist eben nicht Franz Beckenbauer, dessen Worte 1990 anders wirkten. Im Turnier zeigte England viele Gesichter, mal verkrampft und mechanisch, dann wieder entfesselt und widerstandsfähig, aber nie so dominant wie Spanien. Tuchel wollte Kontrolle und Überlegenheit, bekam beides aber nur selten.
Dazu kam, dass er trotz zwischenzeitlicher Euphorie und klarer Fortschritte nicht alle Altlasten aus der späten Gareth-Southgate-Phase von der Festplatte löschen konnte. Eine englische Nationalelf, so der Anspruch, müsse ohne Handbremse im Kopf auftreten. Auffällig war zudem, dass Tuchel komplett auf Kobbie Mainoo verzichtete und Eberechi Eze nur selten brachte, obwohl beide für Kreativität stehen.

Halbfinale, aber keine Erfüllung
Der kicker schrieb nach Tuchels Vertragsverlängerung vor dem Turnier, die bis 2028 gültig ist, diese sei am Ende nur ein Vertrauensvorschuss und das Papier nicht wert, auf dem sie steht, falls die WM zur Enttäuschung werde. Ganz so kam es nicht, denn ein Halbfinale bei der Weltmeisterschaft bleibt ein Ergebnis, das aller Ehren wert ist. Doch erfüllt ein Aus in dieser Runde die hohen Ansprüche wirklich? Ob Tuchel damit gescheitert ist, lässt sich diskutieren, seine Mission, den WM-Titel zu holen, ist jedenfalls verfehlt. Ob ein anderer es besser machen könnte, vor allem ein von vielen Engländern gewünschter einheimischer Coach, ist ebenfalls offen. Die öffentliche Stimmung könnte einen Wechsel aber durchaus verlangen.

trägt als Verantwortlicher die Hauptlast für das Aus, zumal er sein Team nach der Führung gegen Argentinien viel zu früh nur noch tief verteidigen ließ. Gleichzeitig sind aber auch die Profis in der Pflicht, weil sie über das Turnier hinweg als Kollektiv zu selten Lösungen fanden und zu oft auf Einzelaktionen angewiesen waren. Gegen Argentinien blieb England insgesamt viel zu harmlos.
Zwei Weltklassespieler reichten nicht
England braucht deshalb mehr als nur einen neuen Impuls an der Seitenlinie. Gefragt sind hungrige Talente und die Einsicht, dass die Mannschaft von der absoluten Weltspitze wohl doch weiter entfernt ist, als vielen lieb ist. Als Team sicher, vielleicht nicht in der Einzelqualität, auch wenn mit Harry Kane und Jude Bellingham tatsächlich nur zwei Akteure uneingeschränkt Weltklasse verkörpern. Weitere anerkannte Kräfte wie Declan Rice, Elliot Anderson oder Nico O’Reilly sind vorhanden, doch zwei Ausnahmespieler waren zu wenig für den zweiten Titel. Einen radikalen Neustart braucht es nicht, aber die richtige Mischung aus Demut und Mut. Gleichzeitig wächst mit der Heim-Europameisterschaft 2028 im Vereinigten Königreich schon wieder der Druck, weil auch dort der Titel erwartet wird. Für Ruhe sorgt das nicht.
Und wer am Ende immer noch nicht begreift, weshalb England schon wieder nicht Weltmeister geworden ist, obwohl zuvor überall die Frage gestellt wurde: Wenn nicht jetzt, wann dann?, landet schließlich in London, in der Baker Street 221B. Dort wusste der fiktive Detektiv Sherlock Holmes einst: „Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, wie unwahrscheinlich es auch wirken mag, die Wahrheit sein.“ Die Wahrheit lautet in diesem Fall: England war reif für den Titel. Aber letztlich schlicht nicht gut genug. Zumindest nicht in diesem Halbfinale. Wieder einmal. (Thomas Böker)
+++ 🔴 SAMSTAG 23:00 Uhr EXKLUSIV bei MagentaTV: 📺 🇫🇷 Frankreich gegen England live schauen ⚡ Bei MagentaTV siehst du alle 104 WM-Spiele, inklusive ARD & ZDF ➡️ 🔴 +++