MagentaTV: Rudi Völler lobt Nagelsmann als „Idealbesetzung“ – und schwärmt von Undav

In einem exklusiven Interview mit MagentaTV hat sich DFB-Sportdirektor Rudi Völler nach dem 2:1-Sieg der deutschen Mannschaft gegen die Elfenbeinküste ausführlich zur WM 2026 geäußert. Im Gespräch mit Moderator Thomas Wagner an der Wake Forest University sprach der Weltmeister von 1990 über Bundestrainer Julian Nagelsmann als „Idealbesetzung“, über die „Weltklasse“ von Joker Deniz Undav, den bitteren Ausfall von Nico Schlotterbeck, die hohen Ticketpreise, die Trinkpausen – und seine größte Drucksituation als Teamchef im Jahr 2001.

DFB-Sportdirektor Rudi Völler im MagentaTV-Interview mit Moderator Thomas Wagner an der Wake Forest University während der WM 2026.
DFB-Sportdirektor Rudi Völler im MagentaTV-Interview mit Moderator Thomas Wagner an der Wake Forest University während der WM 2026. (Screenshot: MagentaTV)

Völler über Nagelsmann: „Die Idealbesetzung auf dieser Position“

Besonders viel Lob fand Völler für Bundestrainer Julian Nagelsmann: „Ich kann es immer nur wiederholen und das ist auch nicht einfach so dahergesagt, aufgesetzt oder dass ich das sagen muss: Er ist einfach die Idealbesetzung auf dieser Position, der natürlich ab und zu mal durch seine Art polarisiert.“ Nagelsmann sei „ein total ehrlicher Mensch“ und „ein außergewöhnlicher Trainer“, der sich in seinen knapp drei Jahren im Amt weiterentwickelt habe: „Das erlebe ich jeden Tag, wie er mit den Spielern umgeht, bei Mannschaftssitzungen, jetzt auch bei Auswechslungen. Das war auch so ein bisschen der Schlüssel beim Sieg.“ Völler blickt bereits über die WM hinaus: „Wir haben eine Europameisterschaft in Großbritannien, auch wenn die noch weit weg ist.“

Lob für Deniz Undav: „Das war absolute Weltklasse“

Doppelpacker Deniz Undav verglich Völler mit Gerd Müller: „Bei Gerd Müller und auch bei Deniz wurde früher behauptet, dass er Dinge macht, ohne groß zu überlegen. Natürlich brauchst du Instinkt. Aber da ist auch viel Überlegen dabei.“ Undav denke als typischer Mittelstürmer permanent mit, „wo der Ball hinkommen könnte – das ist eine große Qualität von ihm“. Das 2:1 lobte Völler in höchsten Tönen: „Natürlich mit einem überragenden Pass von Felix Nmecha, der die Lücke gesehen hat. Vielleicht sogar einen Tick zu fest, wenn man ehrlich ist. Und das hat Deniz, wie er den Ball annimmt … Ballan- und -mitnahme in hoher Geschwindigkeit. Das war absolute Weltklasse.“

Ticketpreise bei der WM 2026: „Alles ist einen Tick zu teuer“

Die Kritik von Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß an den Ticketpreisen kann Völler nachvollziehen: „Da steht er ja nicht alleine da. Da gibt es auch keine zwei Meinungen, dass das alles einen Tick zu teuer ist und wir das nicht gewohnt sind, in Deutschland sowieso nicht.“ Vor allem das Gesamtpaket sei das Problem: „Für Deutsche und Europäer, die hier rüberfliegen müssen, sich ein Hotel leisten müssen und dann noch der Ticketpreis – das Paket ist schon enorm.“ Umso dankbarer sei er für die vielen deutschen Anhänger, „dass sie diese Preise auf sich genommen haben“.

Trinkpausen: „Kann nicht sagen, das ist eine sensationelle Idee“

Auch zu den festen Trinkpausen äußerte sich Völler kritisch: „Ich kann natürlich nicht sagen, das ist eine sensationelle Idee. Ich muss manchmal ein bisschen schmunzeln. In einigen Stadien gibt es Buhrufe, wenn diese Trinkpause kommt.“ Besser wäre aus seiner Sicht die europäische Lösung gewesen, „dass der Schiedsrichter entscheidet, ob es eine Trinkpause gibt oder nicht. Aber da müssen wir uns dran gewöhnen.“

Schlotterbeck-Ausfall: „Tragisch für den Jungen“

Zum verletzungsbedingten WM-Aus von Nico Schlotterbeck sagte Völler: „Es ist leider so, dass er sehr lange ausfällt und nicht mehr spielt. Das ist tragisch für den Jungen. Für uns natürlich auch, weil er uns mit seinem exzellenten linken Füßchen fehlen wird.“ Dennoch bleibe der Innenverteidiger im Team: „Er wird vorerst bei uns bleiben und die Mannschaft unterstützen. Das spricht für unseren Teamgeist. Dankeschön auch an Borussia Dortmund.“ Als ersten Anwärter auf den freien Platz in der Innenverteidigung sieht Völler Antonio Rüdiger, der gegen die Elfenbeinküste „sehr gut“ gespielt habe – „immer noch ein Weltklasse-Innenverteidiger“.

Was für den WM-Titel fehlt: „Ein paar Prozent drauflegen“

Trotz des perfekten Starts mit zwei Siegen bleibt Völler bodenständig. Was für eine sehr erfolgreiche WM passieren muss? „Wir wissen, wenn es in die K.-o.-Runde geht, müssen alle liefern. Was Leidenschaft, Teamspirit und Kampf angeht, macht uns keiner was vor. Das haben wir auch gegen die Elfenbeinküste gezeigt. Aber sicherlich, um die ganz, ganz großen Ziele zu erreichen, müssen wir sogar noch ein paar Prozent drauflegen.“

Völler über seine größte Drucksituation: „Niemals mehr Druck als 2001“

Warum er heute so entspannt auftritt, erklärte Völler mit einem Rückblick auf das Jahr 2001, als Deutschland sich erst in den WM-Playoffs gegen die Ukraine durchsetzen musste: „Deutschland hat sich immer für eine WM qualifiziert. Ich war der Teamchef von einer Mannschaft, die in die Playoffs musste. Dann derjenige zu sein, der es geschafft hat, nicht zu einer WM zu fahren – das war schon enormer Druck.“ Sein Fazit: „Es wird niemals mehr Druck für mich geben als damals 2001.“

Das Interview im Transkript

Hinweis: Die folgende Verschriftlichung des Interviews wurde automatisch erstellt und nur leicht geglättet. Es können kleinere Ungenauigkeiten enthalten sein. Quelle: MagentaTV.

Thomas Wagner: Ich freue mich ganz besonders, eine der größten deutschen Fußballlegenden heute bei mir am Tisch zu haben – den Mann, der hier als Außenminister, Innenminister und eigentlich für alles zuständig auftritt. Rudi Völler, schön, dass du bei uns bist.

Rudi Völler: Hallo, guten Morgen. Vor allem für Magenta hier vormittags mit dir Kaffee trinken – das ist auch wichtig, ja.

Thomas Wagner: Leider mit einer traurigen Nachricht: Für Nico Schlotterbeck ist die WM beendet. Wie hat er es aufgenommen? Das ist ja für einen Spieler der maximale Tiefschlag.

Rudi Völler: Direkt nach dem Spiel eigentlich gut, weil da noch ein Tick Hoffnung dabei war. Das wurde nach den MRT-Aufnahmen dann gestern aber schnell zunichte. Es ist leider so, dass er sehr lange ausfällt und nicht mehr spielen darf. Das ist tragisch für den Jungen, für uns natürlich auch, weil er uns mit seinem exzellenten linken Füßchen und seinem Spielaufbau fehlen wird, aber auch als Typ. Wir haben das gestern mit den Trainern und der Mannschaft besprochen: Er bleibt erst mal bei uns und unterstützt die Mannschaft. Das spielt auch mit für unseren Teamgeist. Ich habe heute Vormittag noch mit Lars Ricken telefoniert – Borussia Dortmund unterstützt das total, alles in Abstimmung, alles harmonisch.

Thomas Wagner: Antonio Rüdiger ist natürlich die erste Alternative, er war jahrelang Abwehrchef und hat das am Wochenende gegen die Elfenbeinküste sehr gut gemacht. Ihr könnt das auffangen, obwohl das linke Füßchen fehlt?

Rudi Völler: Antonio ist ein anderer Typ, ein anderer Innenverteidiger – aber immer noch ein Weltklasse-Innenverteidiger. Allein, dass er gerade in Madrid verlängert hat. Er ist hier wunderbar damit umgegangen, dass er erst mal hinten dran stand, kam jetzt gut rein und wird natürlich spielen. Er hat seine Qualitäten im Luftkampf, im Zweikampf, mit seiner Geschwindigkeit – und vor allem mit seiner Erfahrung.

Thomas Wagner: Nach dem Spiel gegen die Elfenbeinküste, diese pure Erleichterung im Kabinengang – was bringt so ein Sieg einer ohnehin schon funktionierenden Mannschaft?

Rudi Völler: Das erste Spiel ist immer angespannt, da ist man aufgeregt, das merke ich auch nach all den Jahren noch. Das haben wir gegen Curaçao sehr gut gelöst. Das zweite Spiel wurde, wie erwartet, viel schwieriger: Die Elfenbeinküste hat uns mit ihrer Physis und Geschwindigkeit vor Probleme gestellt, wir sind sogar in Rückstand geraten. Aber wir haben immer dran geglaubt. Julian hat unglaublich gut gewechselt, die richtigen Spieler zum richtigen Moment gebracht. Und wenn du am Ende das entscheidende Tor erzielst, dann ist die Stimmung einfach gut – das haben alle gespürt.

Thomas Wagner: Ihr seid nach zwei Spielen schon Gruppenerster. Das tut gut, wird aber schnell wieder zur Normalität.

Rudi Völler: Wir haben noch ein drittes Spiel, das wollen wir gut über die Bühne bringen. Vielleicht wird der eine oder andere reinrotiert, je nachdem, was Julian mit seinem Trainerteam entscheidet und wer mal eine Pause braucht. Wir wollen im Flow bleiben, um dann im Sechzehntelfinale selbstbewusst auftreten zu können. Und dann gilt für alle Nationalmannschaften: Da ist ein bisschen Tagesform entscheidend.

Thomas Wagner: Einer ist in aller Munde: Deniz Undav. Das Tor zum 2:1 ist einfach Weltklasse, das 1:1 hat er selbst eingeleitet. Was ist seine besondere Stärke – und warum funktioniert es gerade, wenn er später reinkommt?

Rudi Völler: Er wird mit Gerd Müller verglichen, was auch richtig ist. Bei beiden wurde behauptet, sie machten Dinge, ohne groß zu überlegen. Natürlich brauchst du Instinkt – das hatte ich auch. Aber da ist viel Überlegen dabei: Wo könnte der Ball hinkommen, was macht mein Gegenspieler? Das hat er unglaublich gut drauf, als typischer Mittelstürmer, aber auch als Aufleger – er ist nicht egoistisch. Das 2:1 war Weltklasse gemacht: ein überragender Pass von Felix Nmecha, vielleicht sogar einen Tick zu fest. Und wie Deniz den Ball annimmt, in hoher Geschwindigkeit, sich dreht und links abschließt – das war absolute Weltklasse.

Thomas Wagner: Das hat mich an das WM-Finale 1974 erinnert: Rainer Bonhof bringt den Ball mit einer harten Hereingabe, und Gerd Müller klebt einfach am Ball.

Rudi Völler: Genau, deswegen kommen diese Vergleiche – auch von der Statur her. War toll gemacht.

Thomas Wagner: Wir sitzen hier wunderbar an der Wake Forest University, ein Platz der Beschaulichkeit. Ihr habt intensiv nach einem Quartier gescoutet – wie hat das eure Erwartungen erfüllt? Von außen hat man den Eindruck, dass in der Mannschaft ein richtig guter Geist herrscht.

Rudi Völler: Das ist richtig. Es ist meine fünfte WM, jetzt in anderer Funktion, und ich habe oft erlebt, dass das Gesamtpaket stimmen muss. Ein paar gescheite Spieler, die kicken können, haben wir – aber den Teamgeist erreichst du nur, wenn das Umfeld stimmt. Das Camp haben wir bewusst so ausgesucht. Dazu gehört der ganze Komplex: das Teammanagement, die Köche, die Zeugwarte. All das hilft, dass man wie eine Familie auftritt. Damit hast du noch kein Spiel gewonnen, aber das sind die zwei, drei Prozentpunkte, die du brauchst, um erfolgreich zu sein.

Thomas Wagner: Zwei Prozent – interessant. Euer Athletiktrainer und auch Thomas Müller haben gesagt: Wenn du Hitze adaptierst, kann dir das in einem Halbfinale in Dallas die entscheidenden zwei Prozent bringen. Wie wichtig ist es, sich auf Hitze, Reisen und Zeitverschiebungen einzustellen?

Rudi Völler: Du hast immer Spieler, die mit Hitze besser oder schlechter umgehen. Aber das gilt auch für den Gegner. Das war schon zu meiner aktiven Zeit so – 1986 in Mexiko, im Viertelfinale, dachte man, die Südamerikaner hätten einen großen Vorteil. Am Ende hatten die die Wadenkrämpfe und wir nicht. Wichtig ist, wie fit du bist und die innere Einstellung. Da haben wir super Jungs, die damit gut umgehen.

Thomas Wagner: Viele hatten Sorge vor einer aufgeblähten WM. Jetzt haben sich vor allem die vermeintlich Kleinen ordentlich geschlagen. Wie bewertest du das Niveau?

Rudi Völler: Das finde ich toll. Selbst unser Gegner Curaçao war gut und hat sich gegen Ecuador ein 0:0 erkämpft. Kap Verde ist ein extremes Beispiel – zweimal unentschieden, das zweite Spiel total verdient – und nimmt vielleicht sogar den zweimaligen Weltmeister Uruguay aus dem Turnier. Klar, es ist eine Runde mehr, ein bisschen länger, ganz optimal finde ich das am Ende auch nicht. Aber vieles ist hier eben anders als in Europa. Wir tun gut daran, nicht permanent rumzumeckern, sondern es anzunehmen. Wir haben in Toronto erlebt, wie viele deutsche Anhänger vor dem Hotel und im Stadion auf uns gewartet und uns angefeuert haben. Das ist schön zu sehen.

Thomas Wagner: Du hast die Änderungen angesprochen – Stichwort Cooling Break. Bei euren Spielen war es ja gar nicht so warm. Wie empfindest du diese Trinkpausen?

Rudi Völler: Ich kann nicht sagen, dass das eine sensationelle Idee ist. In einigen Stadien gibt es schon Buhrufe, wenn die Trinkpause kommt. So, wie wir es in Europa bei den ganz heißen Spielen machen – dass der Schiedsrichter entscheidet, ob es eine kurze Trinkpause gibt – wäre die bessere Lösung gewesen. Aber ich will gar nicht groß rummeckern, da müssen wir uns dran gewöhnen.

Thomas Wagner: Harte Kritik kam von Uli Hoeneß, der sich über die Ticketpreise echauffiert und gesagt hat, er habe gar keine Lust auf dieses Turnier. Kannst du das nachvollziehen?

Rudi Völler: Da steht er nicht alleine da, und es gibt auch keine zwei Meinungen: Das ist alles einen Tick zu teuer, das sind wir in Deutschland nicht gewohnt. In anderen Ländern sind die Preise auch hoch, da sind wir ein bisschen verwöhnt. Aber es ist definitiv zu hoch, vor allem wenn man das Gesamtpaket betrachtet: rüberfliegen, Hotel und dann der Ticketpreis. Deshalb bin ich umso froher, dass so viele deutsche Anhänger diese Preise und Umstände auf sich genommen haben und uns so unterstützen.

Thomas Wagner: Schauen wir kurz auf 1986 zurück. Damals habt ihr noch mit Journalisten unter einem Dach gewohnt, es gab die Geschichte um Uli Stein und Toni Schumacher. Das erscheint wie aus einer ganz anderen Zeit.

Rudi Völler: Wir haben damals alle noch unter freiem Himmel trainiert. Das war eine besondere WM, auch für Franz Beckenbauer als seine erste WM als Teamchef – mit vielen Spielern, mit denen er noch zusammen- oder gegeneinandergespielt hatte, ist das nicht ganz einfach. Auch die Journalisten im Hotel waren eine schwierige Geschichte, dazu der Konflikt zwischen Bayern und dem 1. FC Köln, die viele Nationalspieler stellten. Aber am Ende haben wir uns zusammengeschweißt und sind sogar fast Weltmeister geworden.

Thomas Wagner: Kommen wir zu Julian Nagelsmann. Er ist knapp 1000 Tage im Amt, nimmt sich ein bisschen zurück, ist sehr fokussiert und antwortet sogar in perfektem Englisch. Wie nimmst du ihn wahr?

Rudi Völler: Ich kann es nur wiederholen, und das ist nicht aufgesetzt: Er ist einfach die Idealbesetzung auf dieser Position, auch wenn er durch seine Art ab und zu polarisiert – das wusste ich schon, bevor wir ihn verpflichtet haben. Aber er ist ein total ehrlicher Mensch, kommt geradeaus rüber, auch bei den Spielern. Medial kommt das manchmal nicht ganz so gut an. Er ist ein außergewöhnlicher Trainer und hat sich in den drei Jahren entwickelt – wie er mit den Spielern umgeht, bei Mannschaftssitzungen, bei Auswechslungen. Das war auch ein Schlüssel beim Sieg. Ich bin froh, dass wir ihn geholt haben, und freue mich auf die nächsten zwei Jahre bis zur Europameisterschaft in Großbritannien.

Thomas Wagner: Er möchte, dass Deutschland in der Welt eine positive Visitenkarte abgibt. Das ist dir auch wichtig – du hast 1986 in Mexiko die DFB-Hilfe in Querétaro für ein Waisenhaus ins Leben gerufen.

Rudi Völler: Auch das gehört zum Paket. Wir wollen sportlich gut auftreten, das haben wir bisher gemacht – Garantien gibt es nie, ab der K.-o.-Runde kann es immer mal schiefgehen. Aber auch außerhalb des Platzes sind wir immer gut aufgetreten. Die Spieler sind, auch wenn es manchmal anders rüberkommt, total nett und freundlich zu den Fans. Allen kann man es nie recht machen. Wir wollen gut Fußball spielen, aber auch unser Land schön vertreten – und das machen wir.

Thomas Wagner: Wenn wir auf den Turnierbaum schauen, drohen vielleicht die Franzosen. Bist du jemand, der so weit vorausblickt?

Rudi Völler: Am Ende ist man hinterher immer schlauer, aber du kannst es nicht stoppen. Keiner rechnet, was der bessere Weg ist – du willst erst mal deine Spiele gewinnen, das ist wichtig fürs Selbstvertrauen. Gegen Ecuador wird es einige Wechsel geben, um den einen oder anderen zu schonen oder jemandem eine Chance zu geben. Aber wir wollen das Spiel gewinnen, im Flow bleiben und danach im Sechzehntelfinale selbstbewusst auftreten.

Thomas Wagner: Ihr habt schon einiges an Verletzungspech. Würdest du mir recht geben, dass aus dem Trio Havertz, Wirtz und Musiala mindestens zwei im Laufe des Turniers an ihre Weltklasse-Leistungen anknüpfen müssen, weil sie Unterschiedsspieler sind?

Rudi Völler: Das hat jede Mannschaft – bei den Franzosen ist sogar die zweite Reihe Weltklasse. Es gibt immer ein paar Spieler, die du in absoluter Höchstform brauchst, am liebsten schon vom ersten Spiel an. Aber spätestens in der K.-o.-Runde müssen alle liefern. Was Leidenschaft, Teamspirit und Kampf angeht, macht uns keiner was vor, das haben wir gegen die Elfenbeinküste gezeigt. Aber um die ganz, ganz großen Ziele zu erreichen, müssen wir sogar noch ein paar Prozent drauflegen.

Thomas Wagner: Eine persönliche Frage zum Schluss: Du hast als Spieler und Trainer so viel erlebt, die Spuck-Attacke von Frank Rijkaard, das knappe Weiterkommen gegen Kamerun. Und doch wirkst du sehr ausgeglichen. Hast du ein Geheimnis, oder ist es die Erfahrung?

Rudi Völler: Trainer haben in diesem Geschäft sowieso immer den größten Druck. Natürlich ist es auch Erfahrung. Aber wenn du das mitgemacht hast, was ich 2001 mitgemacht habe, als wir im November in die Playoffs gegen die Ukraine mussten, um zur WM zu fahren … Deutschland hatte sich immer für eine WM qualifiziert, und ich war der Teamchef einer Mannschaft, die in die Playoffs musste. Hinter England Zweiter in der Gruppe – das war kein Skandal, aber gegen eine sehr gute ukrainische Mannschaft zu bestehen, war enormer Druck. Derjenige zu sein, der es vielleicht nicht zur WM schafft – diesen Druck gab es danach nie mehr. Deshalb kann ich mich heute beruhigen: Es wird niemals mehr Druck für mich geben als damals 2001.

Thomas Wagner: In Dortmund habt ihr dann mit einem überragenden Michael Ballack 4:1 gewonnen, seid ins Finale gekommen, Vizeweltmeister geworden und im Finale sogar besser gewesen als die Brasilianer. Rudi, vielen Dank – und danke für den Kaffee.

Rudi Völler: Sehr gerne, der war wunderbar. Macht immer wieder riesen Spaß, mit dir zu sprechen.