Gianni Infantino kämpft mit aller Macht um sein politisches Überleben an der FIFA-Spitze. Der Schweizer sammelt derzeit demonstrativ jede Form der Rückendeckung ein und inszeniert sie öffentlichkeitswirksam über seine Social-Media-Kanäle. Während ihm aus Südamerika und Afrika Loyalität entgegenschlägt, bleibt der Widerstand ausgerechnet in seiner europäischen Heimat ungebrochen.

Der angeschlagene FIFA-Präsident bedient sich dieser Tage einer altbewährten Strategie: Teile und herrsche, übersetzt ins Zeitalter der sozialen Medien. Auf Instagram dokumentiert Infantino nahezu im Liveticker-Modus jede belegbare Unterstützungsbekundung eines Verbands oder Funktionärs. Die Botschaft dahinter ist unmissverständlich: Trotz aller Turbulenzen genieße er weiterhin breites Vertrauen. Nachdem sich bereits eine nicht näher benannte Gruppe von FIFA-Funktionären hinter ihn gestellt hatte, scheint der Weltverbandschef nun systematisch Kredit bei den 211 Mitgliedsverbänden zurückzugewinnen. Das Ziel liegt auf der Hand: Bis zur Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr soll wieder eine tragfähige Mehrheit hinter ihm stehen.
Rückenwind aus Südamerika und Afrika
Deutliche Signale der Wertschätzung erhielt Infantino ausgerechnet in Kolumbien, wo er am Freitag der Amtseinführung des ultrarechten Präsidenten Abelardo de la Espriella beiwohnte. Nur wenige Tage nach dem lautstarken Scheitern seiner Investorenpläne rund um den Verkauf von WM-Anteilen bekam er in Cali prominenten Beistand. Alejandro Dominguez, Präsident des südamerikanischen Kontinentalverbands CONMEBOL, hob die Verdienste des FIFA-Chefs hervor und plädierte für einen konstruktiven Umgang im internationalen Fußball. Man könne „die großartige Arbeit von Infantino nicht ignorieren“, sagte der Paraguayer und ergänzte mit Blick auf die gemeinsame Zukunft: „Wir müssen weiterhin durch Dialog für den Fußball arbeiten.“ Es sei zudem „gar nicht notwendig, immer einer Meinung zu sein“.
Mit diesen Worten stellte sich Dominguez klar an die Seite des Weltverbandspräsidenten, der nach dem geplatzten Deal Fehler eingeräumt und sich entschuldigt hatte. Anders als bei der UEFA scheint diese Reue in Südamerika verfangen zu haben. Auch die Fußballverbände Argentiniens, Paraguays, Venezuelas und Ecuadors schlossen sich der Linie ihres Kontinentalverbands ausdrücklich an. Der afrikanische Verband CAF mit seinen 54 Mitgliedern steht ohnehin geschlossen wie ein Monolith hinter Infantino. Insgesamt zeigt sich: Viele, die vom vermeintlichen Alleingang des FIFA-Bosses zunächst irritiert oder gar abgestoßen waren, sind mittlerweile deutlich versöhnlicher gestimmt.
UEFA bleibt hart, neue Vorwürfe belasten Infantino
Ganz anders stellt sich die Lage in Europa dar. Die UEFA, deren Generalsekretär Infantino sieben Jahre lang war, ehe er 2016 zum FIFA-Präsidenten aufstieg, hält mit ihren 55 Mitgliedsverbänden an der Drohkulisse eines möglichen WM-Boykotts fest. Das Druckmittel der Europäer ist gewichtig: Sechs der acht Viertelfinalisten der Weltmeisterschaft 2026 stammten aus Europa, ebenso drei der vier Halbfinalisten und letztlich der Weltmeister selbst. Die Frage, was der FIFA-Bestseller Männer-WM ohne europäische Beteiligung überhaupt wert wäre, steht damit im Raum.
Norwegens Verband NFF um Präsidentin Lise Klaveness forderte am Freitag explizit den Rücktritt Infantinos. Zusätzlichen Sprengstoff lieferte der renommierte Telegraph, der dem FIFA-Chef vorwirft, er habe 2011 als UEFA-Angestellter für eine angebliche Geliebte eine überaus großzügige Abfindung ausgehandelt. Ein FIFA-Sprecher wies sämtliche Vorwürfe gegenüber der britischen Zeitung zurück. Die UEFA hingegen räumte auf Anfrage des SID ein, von den Vorwürfen Kenntnis zu haben und tatsächlich eine Abfindung gezahlt zu haben. „Die Zahlung erfolgte im Einklang mit den damals geltenden Bestimmungen für ausscheidende Mitarbeiter“, erklärte der Verband und betonte, die Regelungen seien seit 2016 verschärft worden. In jenem Jahr übernahm der inzwischen 56-jährige Infantino die Macht bei der FIFA und baute seine Position kontinuierlich aus, bis er zeitweise nahezu unangreifbar erschien. Erst die gescheiterten Privatisierungspläne brachten seinen „Ikarus-Moment“. Ob diese Pläne jemals umfassend aufgearbeitet werden, um mögliche juristische Verbindlichkeiten und Verantwortlichkeiten offenzulegen, bleibt vorerst offen.
Bis auf Weiteres gibt sich Infantino unbeirrt in seiner bevorzugten Rolle als Botschafter des einenden Fußballs. „Es ist eine Freude, heute hier zu sein“, sagte er am Freitag in Kolumbien. „Fußball ist Freude, Fußball ist Glück, Fußball ist Einheit.“ Die Frage eines Journalisten, ob er die Probleme innerhalb der FIFA für ausgestanden halte, ließ er unbeantwortet.