Fußball Geburtstag der Woche: Weltmeister & Schalke Ikone Olaf Thon wird 60 Jahre alt

Vereinslegende und Weltmeister: Olaf Thon wird 60

Olaf Thon feiert seinen 60. Geburtstag als einer der prägendsten Spieler seiner Generation. Der frühere Nationalspieler steht wie kaum ein anderer für Schalke 04, Bayern München und den WM-Titel von 1990.

Ex-Nationalspieler Olaf Thon zu Besuch beim Fanclub vor dem Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Kolumbien in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen am 20. Juni 2023. (Christian Kaspar-Bartke / Getty Images Europe via Getty Images)
Ex-Nationalspieler Olaf Thon zu Besuch beim Fanclub vor dem Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Kolumbien in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen am 20. Juni 2023. (Christian Kaspar-Bartke / Getty Images Europe via Getty Images)

Vor allem ein Spiel machte ihn schon als Teenager bundesweit bekannt: das legendäre Pokalduell zwischen Schalke 04 und Bayern München am 2. Mai 1984, das 6:6 nach Verlängerung endete. Thon erzielte damals am Tag nach seinem 18. Geburtstag drei Treffer und wurde über Nacht zum Namen, den ganz Fußball-Deutschland kannte.

Das 6:6, das eine Karriere prägte

Beim Halbfinalhinspiel der Champions League zwischen Paris SG und Bayern München, das 5:4 endete, suchten die Amazon-Prime-Experten nach einem historischen Vergleich. Hätte dort statt Mats Hummels oder Christoph Kramer Olaf Thon gestanden, wäre ihm sofort dieses irrwitzige, torreiche Pokalspektakel eingefallen, das seine Laufbahn entscheidend mitprägte.

Damals strömten 70.000 Zuschauer ins Parkstadion, obwohl die Partie Zweitligist Schalke gegen Erstligist Bayern brachte. Der Unterschied zwischen beiden Klubs war 1984 noch nicht so groß, dass der Sieger schon vor dem Anpfiff feststand. Das ZDF übertrug live, und am Tag danach kannte die halbe Fußball-Welt den kleinen Mann mit seinen 1,69 Metern, der das Spiel mit drei Toren und dem letzten Treffer quasi mit dem Schlusspfiff in der 120. Minute entschied.

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Die Fans stürmten anschließend den Platz und umringten den Helden des Abends. Viele wollten den neuen Ernst Kuzorra aus der Nähe sehen, anfassen und feiern.

Im legendären Interview mit Rolf Töpperwien verriet Thon, dass er noch in Bayern-Bettwäsche schlafe. Das minderte seine Popularität nicht, im Gegenteil. Eine 60 Jahre alte Lehrerin aus Gelsenkirchen schickte ihm daraufhin Schalke-Bettwäsche, damit er künftig in den richtigen Farben träume. Zwei Wochentage später stand Schalke 04 aufgestiegen fest, und bis heute wünscht sich der Klubidol gerade in diesen Tagen ein Ende der Leidenszeit der königsblauen Anhänger, das schon am Wochenende beginnen könnte.

Zwischen Schalker Identität und Rekordtransfer

Thons Laufbahn verlief in einer anderen Fußballzeit, in der vieles heute kaum noch vorstellbar ist. Sein erstes Länderspiel lief nur im Radio, das Abschiedsspiel später live bei Sat.1. Für den ersten Sieg gab es noch zwei Punkte, für den letzten drei. Das Debüt fand in einem Stadion statt, der Abschied in einer Arena.

Insgesamt war Olaf Thon 19 Jahre Profi und schrieb an vielen Kapiteln der deutschen Fußballgeschichte mit. Als 17-Jähriger debütierte er für Schalke 04 in der 2. Liga, damals dachte noch niemand an Liveübertragungen aus dem Unterhaus. Der große Fußballboom setzte erst Anfang der Neunziger ein, getragen von der deutschen Wiedervereinigung, dem WM-Triumph von Rom und dem Aufkommen der Privatsender.

Thon wurde Teil dieses Aufschwungs, ohne seine Wurzeln zu verlieren. Wie viele junge Leistungsträger aus kleineren Klubs wechselte er zu den Bayern. Nach Schalkes drittem Abstieg im Jahr 1988 kostete er 3,8 Millionen D-Mark und war damit der teuerste Transfer der Bundesligageschichte. Trotzdem blieb der in Gelsenkirchen geborene Sohn eines Oberligafußballers im Herzen Schalker. Vereinstreue war für ihn kein leeres Wort. Nach sechs Jahren kehrte er zurück zu dem Klub, dessen Gesicht er bis heute ist und für dessen Traditionsmannschaft er noch gelegentlich aufläuft. Dort arbeitet er als Leiter vor allem organisatorisch.

Schalke und Bayern, Bayern und Schalke, diese beiden Klubs bestimmten seine Karriere. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Weltmeister, Deutscher Meister, UEFA-Pokalsieger und DFB-Pokalsieger. Auf die Frage nach seinem größten Glück antwortete er in der Woche vor seinem Abschiedsspiel: „Dass ich trotz meiner vielen Verletzungen 19 Jahre Profi sein durfte.“

Später führte es ihn sogar in den Aufsichtsrat der Königsblauen, zudem arbeitete er im Marketingbereich. Danach kehrte er noch einmal auf den Rasen zurück und trainierte 2010 und 2011 den VfB Hüls. Privat lebt er in einem Frauenteam, mit Ehefrau Andrea, die er seit mehr als 40 Jahren kennt und liebt, hat er zwei Töchter.

Nationalspieler, Titelträger, verletzungsgeplagt

Nur ein paar Einsätze in der Bundesliga genügten Franz Beckenbauer, um Thon zum Nationalspieler zu machen. Nach lediglich 16 Ligaeinsätzen berief der Kaiser ihn zur Auswahl, und zwar für das WM-Qualifikationsspiel auf Malta, das damals wegen der Übertragungsrechte nicht live im Fernsehen zu sehen war. Thons Debüt dauerte 45 Minuten. Mit 18 Jahren und sieben Monaten war er nach dem Krieg der jüngste Nationalelf-Debütant hinter Uwe Seeler. Deutschland gewann in La Valetta mühsam 3:2, und Beckenbauer fand klare Worte: „Das Positive an diesem Spiel ist das glänzende Debüt von Olaf Thon.“

Zur WM nach Mexiko nahm Beckenbauer ihn mit, doch wegen einer Verletzung kam Thon dort nicht zum Einsatz und reiste früher ab. Toni Schumacher kritisierte ihn anschließend und meinte, Thon hätte dort etwas lernen und Erfahrungen sammeln können, nach denen sich andere sehnten.

Thon ging dennoch immer seinen eigenen Weg und reifte früher als viele andere. Der renommierte Autor Peter Stützer schrieb nach einem Interviewtermin mit dem damals 21-Jährigen in der „Sport Illustrierten“: „Er redet schon wie ein Alter“. Als Thon 1988 zu den Bayern wechselte, bekam er bald den Spitznamen „Professor“, was einem Mann mit abgebrochener Schlosserlehre fast zu viel Ehre war. Uli Hoeneß beeindruckte er vor allem mit einer anderen Eigenschaft: „Der Olaf ist ein ganz kühler Rechner.“

Verletzungen bremsten anschließend immer wieder seine Nationalmannschaftskarriere. Zwischen Oktober 1989 und Juli 1990 erlitt er drei Bänderrisse, dazu kamen drei Operationen und drei längere Pausen. Das hatte Folgen für einen Spieler, der auf Schalke als Stürmer begann, bei den Bayern im Mittelfeld eingesetzt wurde und am Ende als Libero spielte. Von 163 möglichen Länderspielen zwischen seinem Debüt und seinem Abschied bei der WM 1998 absolvierte er 52, also nur jedes dritte.

Sein erstes Turnier als aktiver Spieler war die EM 1988 im eigenen Land, noch als Schalker. In Gelsenkirchen traf er gegen Dänemark und freute sich doppelt über diesen Treffer, weil es für ihn der passende Abschied von diesem Stadion war. Das 1:2 im Halbfinale von Hamburg gegen die Niederlande bezeichnete er später als „meine schlimmste Niederlage, denn ich konnte den entscheidenden Pass auf Marco van Basten nicht verhindern.“ Danach wischte ihm ein Niederländer mit dem getauschten Trikot symbolisch den Hintern ab.

1990 in Italien folgte die nächste Enttäuschung, ehe für ihn doch noch der größte Titel möglich wurde. Im Aufstellungspoker um zwei offensive Plätze im deutschen Mittelfeld hatte Thon bis zum Halbfinale gegen England schlechte Karten. Gegen Kolumbien bekam er nur zwei Minuten, das war seine WM bis dahin. Dann nominierte ihn Beckenbauer überraschend statt Pierre Littbarski, und Thon enttäuschte den Kaiser nicht. Auch im Elfmeterschießen behielt er die Nerven. Im Finale saß er jedoch wieder auf der Bank. „Wenn ich da noch gespielt hätte, hätte ich als Fußballer alles erreicht“, sagte er später. Weltmeister durfte er sich trotzdem nennen. Den Titel verteidigen konnte er nicht, denn die WM 1994 und auch die EM-Endrunden 1992 und 1996 verpasste er.

Der späte Titel mit Schalke und das Leben danach

Auf Schalke erlebte Thon schließlich noch einen dritten Frühling. 1997 führte er die „Euro-Fighter“ als Kapitän in Mailand zum sensationellen UEFA-Pokalsieg. Berti Vogts hatte ihn nach der vorläufigen Ausbootung von Lothar Matthäus geholt, weil er keinen Libero zur Verfügung hatte. Doch das Abenteuer Frankreich endete unschön. Nach dem letzten Vorrundenspiel gegen den Iran, das für Thon zur Pause beendet war, verlor er seinen Platz an Matthäus. Vogts erklärte knapp: „Ich habe mich für den Bayern-Block entschieden.“

Wieder spielte also Bayern für Thons Laufbahn eine entscheidende Rolle, diesmal weil er kein Münchner mehr war. Mit 52 Länderspielen ging er in die DFB-Annalen ein, doppelt so viele wären möglich gewesen. Das Talent brachte er zweifellos mit. Er selbst stellte nüchtern fest: „Wegen der Verletzungen hat es letztlich nicht zu der Weltkarriere eines Lothar Matthäus gereicht.“ Zum Schalker Klubidol reichte es trotzdem, und beim Abschiedsspiel war die Veltins-Arena mit 60.672 Zuschauern ausverkauft, nicht zuletzt, weil die Bayern kamen.