FIFA-Machtkampf: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Der Machtkampf an der Spitze des Weltfußballs nimmt eine dramatische Wendung. Zwar hat die UEFA ihre Boykott-Drohung gegen die FIFA vorerst zurückgezogen, doch stattdessen droht Verbandschef Gianni Infantino nun ein juristisches Nachspiel. Der europäische Dachverband bereitet eine Strafanzeige in der Schweiz gegen den umstrittenen FIFA-Präsidenten vor, im Zentrum steht sein Plan, Anteile an Wettbewerben des Weltverbands an private Investoren zu verkaufen.

Fußballfans versammeln sich vor dem FIFA-Hauptsitz in Zürich vor dem Hintergrund der Kritik an einem Vorschlag von Gianni Infantino.
ZÜRICH, SCHWEIZ – 30. Juli 2026: Fußballfans versammeln sich vor dem globalen FIFA-Hauptsitz. Ein Vorschlag von FIFA-Präsident Gianni Infantino, Anteile an Fußball-Wettbewerben zu verkaufen, hat bei einigen nationalen und regionalen Sportverbänden für Kritik gesorgt. (Foto: Robert Hradil/Getty Images)

Strafanzeige gegen Infantino nimmt Formen an

Aus einem Dokument, das dem SID vorliegt und am Rande der Champions-League-Auslosung in Monaco kursierte, geht hervor, dass die UEFA gemeinsam mit weiteren interessierten Parteien konkrete juristische Schritte plant. Vorbereitet werde „die Einleitung eines Strafverfahrens in der Schweiz gegen Infantino und möglicherweise weitere FIFA-Funktionäre und -Berater wegen krimineller Misswirtschaft gemäß Artikel 158 des Schweizer Strafgesetzbuches“, heißt es darin. Bevor es so weit kommt, sollen jedoch zunächst Beweise gesichert werden.

FIFA-Präsident: Wahl, Amtszeit, Aufgaben und Macht des FIFA-Chefs

In einem Schreiben an ein US-Gericht fordert die UEFA deshalb die Herausgabe relevanter Unterlagen durch die FIFA sowie von der Investorenseite, darunter die Investmentgesellschaft Thrive Capital, die in Infantinos Plan eine zentrale Rolle gespielt haben soll. Ein Knackpunkt der Kritik: Weshalb wollte die FIFA überhaupt frisches Kapital aufnehmen, obwohl der Verband über milliardenschwere Rücklagen verfügt und zuletzt durch die Mega-WM in Nordamerika Rekordeinnahmen verbuchte?

Bis zu fünf Jahre Haft möglich

Laut UEFA haben ihre Anwälte bereits signalisiert, dass ein solches Verfahren zur Verhandlung zugelassen werden dürfte. Der Straftatbestand sieht im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren vor, vorausgesetzt es lässt sich nachweisen, dass Infantino die Interessen der FIFA vorsätzlich geschädigt hat. Besonders scharf kritisiert die UEFA den aus ihrer Sicht „absurd niedrig“ bemessenen Unternehmenswert von rund 20 Milliarden US-Dollar. Der Investorenplan sei darauf ausgelegt gewesen, Infantino und einem kleinen Zirkel „eine dauerhafte Beteiligung an den wertvollsten Vermögenswerten der FIFA zu verschaffen und ihnen anderweitig Gewinne daraus zu ermöglichen, zum Nachteil der FIFA, ihrer Mitglieder und anderer Akteure innerhalb der Fußballfamilie“, so der Vorwurf.

FIFA-Präsident Gianni Infantino hält am 17. Juli 2026 beim FIFA-Empfang im Trump Tower in New York eine Ansprache, neben ihm US-Präsident Donald Trump. Wenige Tage später steigt im MetLife Stadium das WM-Finale 2026 zwischen Spanien und Argentinien. (Andrew Harnik / Getty Images North America via Getty Images)
FIFA-Präsident Gianni Infantino hält am 17. Juli 2026 beim FIFA-Empfang im Trump Tower in New York eine Ansprache, neben ihm US-Präsident Donald Trump. Wenige Tage später steigt im MetLife Stadium das WM-Finale 2026 zwischen Spanien und Argentinien. (Andrew Harnik / Getty Images North America via Getty Images)

Druckmittel statt Boykott

Nach einer Krisensitzung mit den 55 Mitgliedsverbänden, angeführt von DFB-Präsident Bernd Neuendorf, sowie dem Exekutivkomitee um Hans-Joachim Watzke, legte die UEFA ihre Boykott-Pläne am Donnerstag vorerst auf Eis. Mit der angedrohten Strafanzeige verschafft sich der Verband jedoch ein neues Druckmittel im Ringen um eine Neuausrichtung der FIFA-Spitze. Das erklärte Ziel bleibt, Infantino vor der Präsidentschaftswahl beim Kongress im März 2027 zum Rückzug zu bewegen.

Dass der Schweizer den Investorendeal inzwischen zurückgezogen hat, ändere daran nichts, betonte die UEFA: Das mache „weder die Täuschung, Einschüchterung und den Machtmissbrauch“ ungeschehen, „ebenso wenig stellt es das verlorengegangene Vertrauen wieder her“. Sollte Infantino dennoch erneut kandidieren, wolle man dafür sorgen, „dass den Mitgliedsverbänden eine glaubwürdige Alternative angeboten wird“. Als aussichtsreichster Gegenkandidat gilt mittlerweile Victor Montagliani, Chef des nord-, mittelamerikanischen und karibischen Verbands CONCACAF. Die Frist zur Einreichung von Kandidaturen läuft noch bis zum 18. November.

Uneinheitliches Lager im Weltverband

Wie geschlossen die Opposition gegen Infantino tatsächlich auftritt, ist derzeit schwer abzuschätzen. Rechnerisch käme das Bündnis aus Europa, Asien sowie Nord- und Mittelamerika auf 136 der insgesamt 211 Stimmen. Allerdings gibt es bereits Abweichler: Saudi-Arabien, als finanzstarker WM-Gastgeber 2034 einflussreich im Weltfußball, stellte sich am Donnerstag hinter den FIFA-Chef, wenn auch nur „zu diesem Zeitpunkt“. Verbände aus Afrika und Ozeanien wiederum deuteten an, Infantino nicht länger unterstützen zu wollen.

Der Wahlkampf um die FIFA-Spitze läuft derweil bereits auf Hochtouren. Nachdem ehemalige Stars wie Emmanuel Petit und Mikael Silvestre öffentlich Kritik an Infantino übten, reagierte dieser postwendend mit einer Reihe fast gleichlautender Unterstützerschreiben sogenannter „FIFA-Legenden“ wie Francesco Totti oder Kaká, die er auf Instagram veröffentlichte. Bemerkenswert: Die UEFA verzichtet bislang darauf, ein förmliches Misstrauensvotum gegen Infantino anzustoßen, ein Indiz dafür, dass der Ausgang einer Abstimmung längst nicht sicher wäre.

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Fragen und Antworten zum FIFA-Machtkampf

Wie kam es zur aktuellen Eskalation zwischen UEFA und FIFA?

Die UEFA will Infantino stürzen und bereitet deshalb eine Strafanzeige in der Schweiz gegen ihn vor. Auslöser ist seine Rolle bei dem Vorhaben, Anteile an FIFA-Turnieren an private Investoren zu verkaufen, darunter auch Akteure aus dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump. Ein SID vorliegendes Dokument, das in Monaco am Rande der Champions-League-Auslosung verbreitet wurde, belegt diese Pläne.

Was genau steht in dem UEFA-Papier?

Darin bereiten die UEFA und weitere Beteiligte laut eigenen Angaben „die Einleitung eines Strafverfahrens in der Schweiz gegen Infantino und möglicherweise weitere FIFA-Funktionäre und -Berater wegen krimineller Misswirtschaft gemäß Artikel 158 des Schweizer Strafgesetzbuches“ vor. Zunächst sollen jedoch Beweise gesichert werden. Vor einem US-Gericht verlangt die UEFA deshalb die Herausgabe entsprechender Dokumente von der FIFA sowie von der Investorenseite, unter anderem von der Investmentgesellschaft Thrive Capital, die im Infantino-Plan eine Schlüsselrolle gespielt haben soll. Zudem stellt die UEFA infrage, warum die FIFA angesichts milliardenschwerer Rücklagen und jüngster WM-Rekordeinnahmen überhaupt externes Kapital benötigte.

Welche rechtlichen Konsequenzen könnten Infantino erwarten?

Nach Einschätzung der UEFA-Anwälte dürfte das Verfahren zur Verhandlung zugelassen werden. Der Vorwurf der krimineller Misswirtschaft kann mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden, sofern nachgewiesen wird, dass Infantino die Interessen der FIFA vorsätzlich geschädigt hat. Die UEFA moniert insbesondere den ihrer Meinung nach „absurd niedrig“ angesetzten Unternehmenswert von etwa 20 Milliarden US-Dollar. Der Plan habe darauf abgezielt, Infantino und einem kleinen Kreis dauerhaft Beteiligungen an den wertvollsten FIFA-Vermögenswerten samt Gewinnmöglichkeiten zu sichern, „zum Nachteil der FIFA, ihrer Mitglieder und anderer Akteure innerhalb der Fußballfamilie“.

Welches Ziel verfolgt die UEFA mit ihrem Vorgehen?

Nach einem Treffen mit den 55 Mitgliedsverbänden um DFB-Präsident Bernd Neuendorf und dem Exekutivkomitee um Hans-Joachim Watzke setzte die UEFA ihre Boykott-Drohung zunächst aus, schuf sich mit der angedrohten Anzeige aber ein neues Druckmittel. Weiterhin verfolgt sie das Ziel, Infantino vor der Präsidentschaftswahl beim Kongress im März 2027 zum Rücktritt zu bewegen. Sein Rückzieher beim Investorendeal ändere nichts an „Täuschung, Einschüchterung und Machtmissbrauch“ und stelle auch das verlorene Vertrauen nicht wieder her, so die UEFA. Trete Infantino dennoch erneut an, wolle man den Mitgliedsverbänden „eine glaubwürdige Alternative“ bieten. Als möglicher Herausforderer gilt CONCACAF-Chef Victor Montagliani, die Bewerbungsfrist endet am 18. November.

Wie geschlossen steht der Weltfußball hinter der Opposition gegen Infantino?

Die Lage ist unübersichtlich. Rechnerisch käme das Oppositionsbündnis aus Europa, Asien sowie Nord- und Mittelamerika auf 136 von 211 Stimmen, doch schon jetzt zeichnen sich Abweichler ab. Saudi-Arabien, als finanzstarker WM-Gastgeber 2034 einflussreich, stellte sich am Donnerstag hinter Infantino, zumindest „zu diesem Zeitpunkt“. Verbände aus Afrika und Ozeanien signalisierten dagegen, ihn nicht unterstützen zu wollen. Der Wahlkampf ist längst entbrannt: Auf Kritik ehemaliger Stars wie Emmanuel Petit und Mikael Silvestre reagierte Infantino mit zahlreichen ähnlich formulierten Unterstützerbotschaften von „FIFA-Legenden“ wie Francesco Totti und Kaká auf Instagram. Dass die UEFA kein Misstrauensvotum anstrebt, deutet darauf hin, dass der Ausgang einer Abstimmung keineswegs feststeht.

Warum wurde die Boykott-Drohung zurückgenommen?

Grund ist eine Zusicherung der FIFA, dass ein Vorhaben wie der inzwischen gestoppte WM-Investorenplan von Infantino künftig nicht mehr aufgegriffen werde. Genau diese Garantie hatte die UEFA gefordert und nach eigener Darstellung vor dem Rückzieher auch erhalten. Der Ende Juli verkündete Boykott von FIFA-Wettbewerben, der damals für erhebliche Unruhe gesorgt hatte, wird deshalb „vorläufig“ ausgesetzt. Die Frauen-U20-WM, die als erstes Turnier betroffen gewesen wäre, kann somit wie geplant in der kommenden Woche starten. Die UEFA stellte allerdings klar: „Diese Position wird fortlaufend überprüft und kann umgehend erneut geändert werden, falls die Umstände dies erforderlich machen.“