Deutsche Fußballnationalmannschaft: Torwarttrainer Kronenberg im DFB Interview

Kronenberg: „Es konzentriert sich nicht alles nur auf die Nummer eins“

Wenn Oliver Baumann oder Alexander Nübel im DFB-Trikot der deutschen Nationalmannschaft starke Leistungen zeigen, hat das auch mit Andreas Kronenberg zu tun. Seit 2021 arbeitet der Schweizer als Torwarttrainer des DFB-Teams und gibt im DFB.de-Interview Einblicke in seinen Alltag, die Entwicklung des Torwartspiels und seine Sicht auf die besondere Rollenverteilung im Kader.

Co-Trainer Andreas Kronenberg erteilt der deutschen Nationalmannschaft beim Trainingslager im Spa & Golf Resort Weimarer Land in Blankenhain am 28. Mai 2024 taktische Anweisungen - am zweiten Tag des DFB-Trainingslagers zur Vorbereitung auf die Heim-EM 2024. (Alexander Hassenstein / Getty Images Europe via Getty Images)
Co-Trainer Andreas Kronenberg erteilt der deutschen Nationalmannschaft beim Trainingslager im Spa & Golf Resort Weimarer Land in Blankenhain am 28. Mai 2024 taktische Anweisungen – am zweiten Tag des DFB-Trainingslagers zur Vorbereitung auf die Heim-EM 2024. (Alexander Hassenstein / Getty Images Europe via Getty Images)

Der 51-Jährige beschreibt einen Arbeitsrhythmus, der viel Beobachtung und Analyse verlangt. Gleichzeitig macht er deutlich, warum aus seiner Sicht nicht nur die erste Wahl im Fokus steht, sondern das gesamte Trio im Tor.

Zwischen Stadion, Fernseher und Videoschnitt

Abseits von Länderspielmaßnahmen und Workshops startet Kronenbergs klassische Arbeitswoche am Wochenende. Dann schaut er möglichst viele Partien komplett, teils auf der Tribüne im Stadion, teils am Fernseher. Letzteres spart Fahrtzeit und ermöglicht ihm, deutlich mehr Spiele zu sehen.

Von Montag bis Donnerstag geht es anschließend um die detaillierte Auswertung der Szenen all jener Torhüter, die der DFB im Blick hat. Kronenberg schneidet die relevanten Aktionen zusammen, schaut sie sich an und analysiert sie. Sein Alltag ist damit eine Mischung aus Livebeobachtung und präzisem Videostudium.

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Bei der Zahl der beobachteten Keeper arbeitet er mit drei Rubriken. Ganz oben steht die Kategorie „aktuelle Lehrgänge“, in der längst mehr Namen auftauchen als nur die drei oder vier zuletzt nominierten Schlussmänner. Hinzu kommen die Bereiche „Blickfeld“ und „Perspektive“. Alle Szenen vom Wochenende werden gesichtet, damit Kronenberg im Trainerteam fundiert diskutieren kann. Julian Nagelsmann habe unlängst gesagt, dass er in diesen Gesprächen den Hut aufhabe, so Kronenberg. „Klar, das ist ja auch mein Job als Torwarttrainer.“

„Wir machen die Tür zu und dann wird diskutiert“

Wie Entscheidungen im Tor fallen, schildert Kronenberg als intensiven Teamprozess. Die Aufgabe des Trainerstabs sei es, alle Szenarien durchzuspielen, tatsächlich alle. Dann werde die Tür geschlossen und ausführlich, kritisch und auch kontrovers diskutiert. „Wir gehen sehr kritisch miteinander um“, sagt er. Das koste Zeit und Energie, sei aber notwendig, um die Wahrscheinlichkeit für die richtige Entscheidung zu erhöhen.

Eine Garantie gebe es nie, betont der Schweizer. Er versuche jedoch, Julian Nagelsmann bei der Entscheidungsfindung so zu unterstützen, dass der Bundestrainer am Ende ein gutes Gefühl habe. Das sei auch für die Torhüter wichtig, weil sie diese Klarheit spürten.

Warum er sich mit öffentlichen Aussagen zu Einzelheiten rund um seine Keeper zurückhält, erklärt Kronenberg mit dem Vertrauensverhältnis zu seinen Spielern. Je mehr er öffentlich über sie spreche, desto schwieriger werde die interne Kommunikation. Wenn ihn die Profis vor der Kamera über Inhalte vertraulicher Gespräche reden sehen würden, würden sie sich womöglich beim nächsten Mal überlegen, ob sie sich erneut öffnen. Verständnis für das öffentliche Interesse habe er dennoch. Als Torwarttrainer sei er aber ein Co-Trainer im Hintergrund. Wenn etwas nach außen getragen werden müsse, dann tue das der Bundestrainer.

Anspruchsvollste Rollen im Kader

Besonders an seinem Job liebt Kronenberg den Fußball und die Torwartposition, auch wenn er die Rolle als Kind zunächst gar nicht mochte und eher ins Tor gezwungen wurde. Heute fasziniert ihn vor allem, wie viele Anforderungen mit der Position verbunden sind und wie stark sie mit Persönlichkeit zu tun hat. Ebenfalls wichtig ist ihm die menschliche Ebene. Die Beziehung zu seinen Torhütern und zum Trainerteam trägt ihn auch durch schwierige Phasen. „Die Arbeit mit Menschen macht mir am meisten Spaß“, sagt er. Gleichzeitig fallen ihm aber auch Dinge ein, die er an seinem Beruf nicht liebt.

Dazu zählt vor allem, Keeper zu enttäuschen, die Woche für Woche auf hohem Niveau liefern. „Das ist furchtbar, das kannst du hundertmal machen – und beim 101. Mal ist es nicht angenehmer.“ Dennoch seien diese Gespräche unvermeidbar. Die Spieler hätten es verdient, ehrlich behandelt zu werden und die Gründe erklärt zu bekommen. Nur so bleibe die Beziehung intakt.

Gerade wenn ein Torhüter im Klub die klare Nummer eins ist, in der Nationalmannschaft aber nur als Nummer zwei oder drei eingeordnet wird, wird es laut Kronenberg besonders heikel. Diese Situation sei alles andere als einfach, gehöre aber zur Aufgabe des Trainerteams. Nur wenn klar kommuniziert werde, in welcher Rolle ein Spieler gesehen werde, könne man prüfen, ob er diese auch ausfüllen könne. Wenn nicht, sei das schade, aber eben auch in Ordnung. Vor allem die Rollen hinter der Stammkraft müssten mit Leben gefüllt werden, mit Energie, Training, guter Laune und dem Anspruch, selbst die Nummer eins sein zu wollen. Dafür brauche es große Persönlichkeiten, und die habe der DFB derzeit. „Wir haben hervorragende Torhüter, die mit ihren unterschiedlichen Rollen sehr gut umgehen.“

Warum diese Aufgaben so wichtig sind, erklärt er ausführlich. Die Nummer zwei und drei seien für die Mannschaft extrem bedeutsam. Der Blick von außen verenge das oft auf den Stammkeeper, doch das sei zu kurz gedacht. Wenn die beiden Ersatzleute ihre Rollen nicht so annehmen, wie es das Team braucht, werde es auch für die Nummer eins schwieriger. Verhält sich ein Torhüterduo während eines Turniers im Training vorbildlich, unterstützt es auch die Feldspieler auf der Bank, selbst wenn ein Einsatz kaum wahrscheinlich ist. Gerade deshalb müsse jeder im Kader jederzeit bereit sein, wenn Tag X kommt. Das sei mental und charakterlich eine enorme Herausforderung.

Vom Anforderungsprofil bis zur Ausbildung an der Basis

Welche Fähigkeiten ein Torhüter mitbringen müsse, hänge für Kronenberg immer von der Spielidee des Trainers ab. Diese oder auch die Philosophie des Vereins gebe das Anforderungsprofil vor. Wer hoch presst, brauche einen Keeper, der in den Räumen gegen den Ball aktiv ist und Situationen erkennt und löst, bevor es im Strafraum gefährlich wird. Gleichzeitig müsse er erkennen, wann das nicht möglich ist, und dann schnell in die Torverteidigung oder ins Eins-gegen-Eins schalten. Im Ballbesitz bevorzugt Julian Nagelsmann das Spiel von hinten heraus, und das passt auch zu Kronenberg. Darauf richte er sein Scouting aus.

Das Torwartspiel habe sich in den vergangenen Jahrzehnten spürbar verändert. Das Spiel sei athletischer und schneller geworden, weshalb im Strafraum oft keine Zeit mehr für Zwischenschritte bleibe. Körperlichkeit und Reichweite spielten deshalb eine größere Rolle. Trotzdem würden die meisten Bälle nach wie vor relativ körpernah einschlagen. Kronenberg warnt deshalb davor, einem Keeper vorschnell Weltklassepotenzial abzusprechen, nur weil er vielleicht 1,83 Meter groß ist. Eine Untergrenze gebe es zwar, genauer hinschauen müsse man aber in jedem Fall. Regeländerungen und Anpassungen der Spielweise hätten die Entwicklung zusätzlich beeinflusst.

Ein zentraler Trend sei das höhere Verteidigen. Dadurch wachse der Raum direkt vor dem Torhüter, den er beherrschen müsse. Gleichzeitig müsse er erkennen, wenn er dort keine Lösung findet, um dann rasch in die Torverteidigung oder ins Eins-gegen-Eins umzuschalten. Das unterscheide die heutige Rolle deutlich von früheren Zeiten, als defensiver agierende Mannschaften dem Keeper weniger Raum vor dem Tor und mehr Aktionen auf der Linie abverlangten. Einen weiteren wesentlichen Punkt sieht Kronenberg in der Spieleröffnung. Viele Trainer wollten Ballbesitz und Spielkontrolle, deshalb reiche es nicht, nur technisch sauber zu sein. Ein Torhüter müsse das Spiel verstehen, bei jedem Pass eine Idee haben und wissen, wie die Fortsetzung aussehen soll. Manchmal gehe es auch darum, den Gegner durch einen zunächst nicht unmittelbar fortsetzbaren Pass zu verschieben oder neue Räume zu öffnen. Wenn das nicht funktioniere, müsse der Keeper Zwischenräume oder auch die Schnittstellen hinter der Kette anspielen. Das sei hochkomplex und habe sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend verändert.

Unverändert sei aus seiner Sicht dagegen das Kerngeschäft des Torwarts. Er müsse Rückhalt geben, Sicherheit ausstrahlen und mit Konstanz und Seriosität für Stabilität sorgen. Dazu kämen Ausreißer nach oben, in denen er die Mannschaft mit Paraden im Spiel halte. „Sonst könnte ich auch einen Feldspieler hinten reinstellen, der würde das mit dem Ball am Fuß wahrscheinlich auch sensationell gut machen. Aber das Kerngeschäft des Torwarts wäre wahrscheinlich schwierig für ihn, da brauchen wir Verlässlichkeit.“

Wie der DFB die Entwicklung der Keeper und des Torwarttrainings vom Campus aus beeinflussen könne, beantwortet Kronenberg klar: Die Hauptpersonen seien immer die Torhüter selbst. Arbeitsethos und Beharrlichkeit müssten von innen kommen, das könne niemand von außen ersetzen. Entscheidend sei, einen talentierten Keeper zu erkennen und dann gemeinsam mit ihm einen Plan zu entwickeln. Spielzeit sei dabei der wichtigste Faktor. Wenn ein Nachwuchstorhüter oben blockiert sei, müsse man über eine Leihe nachdenken. Seiner Ansicht nach machen die Vereine in Deutschland dabei vieles richtig.

Auch im Austausch mit den Klubs betont er den Gedanken der Breite. Der DFB könne Impulse setzen, aber die eigentliche Förderung finde in den Vereinen statt, nicht nur in den Nachwuchsleistungszentren, sondern ebenso in Stützpunkten und kleineren Klubs. Kronenberg ist überzeugt, dass eine starke Basis automatisch auch die Spitze verbreitert. Deshalb habe er ein Basisprogramm für Stützpunkte und Amateurvereine auf den Weg gebracht. In kurzen Clips werde gezeigt, wie man Talente im Tor fördern könne. Insgesamt sei der Fußball ein wenig wie die Gesellschaft: Man wolle die Spitze optimieren und vergesse dabei die Breite, obwohl dort die Jungen aufwachsen. Zusätzlich bilde der DFB die Torwarttrainer der Vereine aus, das sei der Bereich von Marc Ziegler.

Dass Kronenberg heute im DFB-Team arbeitet, hat auch mit seiner eigenen Laufbahn zu tun, die ihn bis in die 2. Bundesliga führte. Er selbst spricht dabei allerdings lieber von einer Laufbahn als von einer Karriere. Über die 3. Liga sei er gewissermaßen in die 2. Bundesliga gespült worden, wirklich angekommen sei er dort aber nicht. Für eine echte Zweitliga-Karriere, sagt er, brauche man mindestens 50 Einsätze, und die habe er bei Weitem nicht gehabt. Dennoch helfe ihm diese Zeit, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und gelegentlich zu sagen: „Das habe ich auch schon mal erlebt, wenn auch auf einem anderen Level.“

Zum Torwarttrainer wurde Kronenberg eher über Umwege. Schon als aktiver Spieler trainierte er, sofern es die Zeit erlaubte, gern Torhüter im Nachwuchs, weil ihm das schon damals enormen Spaß machte. In Erfurt musste er nach dem dritten Kreuzbandriss aufhören. Der damalige Coach Rene Müller überredete ihn anschließend, den Posten des Torwarttrainers zu übernehmen, der zuvor unbesetzt gewesen war. Nach Müllers Entlassung und weil im Klub niemand auf ihn zukam, wurde ihm klar, dass er diese Abhängigkeit nicht mehr wollte. Also schulte er um, studierte in Freiburg Pädagogik und lernte über ein Praktikum die Fußballschule des SC Freiburg kennen. Dort fragte ihn der damalige Leiter der Fußballschule, ob er nach dem Praktikum nicht auch noch das Torwarttraining übernehmen könne. So rutschte er in den Job hinein, Schritt für Schritt. Eigentlich habe er damals nicht mehr in diesem Bereich arbeiten wollen. „Ich bin froh, dass es anders gekommen ist.“