Trump rief Infantino wegen Balogun-Sperre an: US-Präsident intervenierte bei der FIFA persönlich

Erst hieß es aus dem Weltverband unmissverständlich: Gegen eine Rote Karte und die automatische Sperre gibt es keinen Einspruch. Vier Tage später ist die Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun plötzlich ausgesetzt – pünktlich zum Achtelfinale des Gastgebers USA gegen Belgien. Und wer feiert die Entscheidung am lautesten? US-Präsident Donald Trump, der auf Truth Social ein „großes Unrecht“ für beendet erklärt. Und jetzt kommt heraus: Trump hat offenbar tatsächlich interveniert. Wie die New York Times und die Nachrichtenagentur AFP übereinstimmend berichten, rief der US-Präsident nach dem Spiel persönlich bei FIFA-Präsident Gianni Infantino an und bat um eine Überprüfung der Roten Karte. Die Frage, wie unabhängig die FIFA bei dieser Heim-WM des Donald Trump noch ist, beantwortet sich damit fast von selbst.

US-Angreifer Folarin Balogun bejubelt gemeinsam mit Antonee Robinson sein Tor zur 1:0-Führung im Sechzehntelfinale der WM 2026 gegen Bosnien und Herzegowina. Aufgenommen im San Francisco Bay Area Stadium am 1. Juli 2026 in Santa Clara. (Jamie Squire / Getty Images)
US-Angreifer Folarin Balogun bejubelt gemeinsam mit Antonee Robinson sein Tor zur 1:0-Führung im Sechzehntelfinale der WM 2026 gegen Bosnien und Herzegowina. Aufgenommen im San Francisco Bay Area Stadium am 1. Juli 2026 in Santa Clara. (Jamie Squire / Getty Images)

 

180-Grad-Wende in vier Tagen: FIFA setzt Balogun-Sperre aus

Zur Erinnerung: Am 1. Juli sah Balogun im Sechzehntelfinale gegen Bosnien und Herzegowina die Rote Karte, nachdem Schiedsrichter Raphael Claus die Szene – Balogun war Verteidiger Tarik Muharemovic auf Wade und Knöchel getreten – auf VAR-Hinweis am Monitor als grobes Foulspiel eingestuft hatte. Nach Artikel 10.5 des WM-Reglements bedeutet eine glatte Rote Karte automatisch mindestens ein Spiel Sperre. Mehrere FIFA-Offizielle stellten laut The Athletic direkt nach dem Spiel klar: Weder gegen die Karte noch gegen die Sperre sei ein Einspruch möglich.

Möglich war es dann offenbar doch. Die FIFA-Disziplinarkommission verhängte zwar formal die Ein-Spiel-Sperre, setzte deren Vollzug aber nach Artikel 27 des Disziplinarreglements für eine einjährige Bewährungsfrist aus. Übersetzt: Balogun darf in der Nacht zu Dienstag (7. Juli, 2:00 Uhr MESZ) im Achtelfinale gegen Belgien in Seattle auflaufen, als wäre nichts gewesen. Öffentlich wurde die Wende erst, als The Athletic sie enthüllte – bestätigt hat die FIFA sie danach. Die US-Spieler erfuhren die Nachricht im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Training. „Das gibt uns natürlich einen Schub“, freute sich Superstar Christian Pulisic.

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Trump feiert die FIFA – und niemand im Verband widerspricht

Kaum war die Begnadigung öffentlich, meldete sich der US-Präsident zu Wort, als hätte er höchstpersönlich das Urteil gefällt: „Danke an die FIFA, dass sie das Richtige getan und ein großes Unrecht rückgängig gemacht hat!“, schrieb Donald Trump auf Truth Social. Man lasse sich diesen Satz auf der Zunge zergehen: Der Präsident des Gastgeberlandes erklärt einen sportrechtlichen Routinevorgang – eine Rote Karte nach VAR-Studium – zum „großen Unrecht“ und bedankt sich beim Weltverband für die Korrektur. Wohlgemerkt bei jenem Weltverband, dessen Präsident Gianni Infantino seit Jahren demonstrativ Trumps Nähe sucht: bei der Amtseinführung in Washington saß Infantino in den vorderen Reihen, die FIFA eröffnete ihr US-Büro ausgerechnet im Trump Tower, und bei der WM-Auslosung standen beide Arm in Arm auf der Bühne.

Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino gemeinsam auf der Bühne beim Final Draw der WM 2026.

Was zunächst nur nach verheerender Optik aussah, hat inzwischen einen sehr realen Kern: Nach übereinstimmenden Berichten der New York Times und der Nachrichtenagentur AFP, die sich auf ungenannte Quellen berufen, griff Trump nach dem Bosnien-Spiel am vergangenen Mittwoch persönlich zum Telefon und bat Infantino um eine Überprüfung der Roten Karte. Vier Tage später war die Sperre ausgesetzt. Eine SID-Anfrage zu den Berichten ließ die FIFA zunächst unbeantwortet. Ein Verband, der erst „kein Einspruch möglich“ verkündet und dann nach einem Anruf aus dem Weißen Haus den Star des Gastgebers begnadigt, ein Präsident, der sich dafür öffentlich bedankt wie für einen politischen Gefallen: Die FIFA hätte jede Möglichkeit gehabt, den Entscheid transparent zu begründen, bevor er durchsickert. Sie tat es erst, nachdem Journalisten ihn öffentlich machten, und schweigt nun zum Anruf des Präsidenten.

Belgien protestiert: Präzedenzfall Ronaldo oder Lex Gastgeber?

Die FIFA kann auf das Regelwerk verweisen: Artikel 27 erlaubt es der Disziplinarkommission ausdrücklich, den Vollzug einer Strafe ganz oder teilweise zur Bewährung auszusetzen. Begeht Balogun innerhalb eines Jahres ein ähnliches Vergehen, wird die Sperre vollstreckt – zuzüglich neuer Strafe. Und es gibt einen prominenten Präzedenzfall in diesem Turnier: Portugals Kapitän Cristiano Ronaldo kam mit einer Drei-Spiele-Sperre davon, von der zwei Spiele zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Nur: Genau dieses Muster macht die Sache nicht besser. Begnadigt werden auffällig zuverlässig die Gesichter des Turniers – erst der größte Star der WM, jetzt der beste Angreifer des Gastgebers, der mit drei Toren durch die Heim-WM stürmt und die TV-Quoten im Milliardenmarkt USA treibt. Bosnien, das Opfer des Fouls, ist ausgeschieden und kann sich nicht mehr wehren. Belgien bedankt sich keineswegs artig: Der Verband des nächsten US-Gegners hat offiziell Protest eingelegt und will gegen die Entscheidung vorgehen. Und die Frage, wofür Artikel 10.5 überhaupt noch steht, wenn Artikel 27 ihn bei Bedarf aushebelt, beantwortet in Zürich niemand. Eine WM im Land eines Präsidenten, der Sportentscheidungen kommentiert wie Wahlergebnisse, hätte eine FIFA gebraucht, die über jeden Zweifel erhaben agiert. Das Gegenteil ist passiert.

Entsprechend deutlich fällt die Kritik aus. Nicholas McGeehan von der Menschenrechtsorganisation FairSquare, die wegen des Vorgangs bereits Beschwerde gegen Infantino bei der FIFA-Ethikkommission eingereicht hat, sagte dem SID: „Die Regeln wurden eindeutig in einer Weise gebrochen, die den politischen Interessen des US-Präsidenten zugutekommt.“ Die Frage sei, „welche Rolle der FIFA-Präsident dabei gespielt hat. Nationale Verbände und Politiker sollten Antworten von der FIFA fordern. Wenn das Gastgeberland seinen politischen Einfluss auf den FIFA-Präsidenten genutzt hat, um einen unfairen Vorteil zu erschaffen, wäre das ein skandalöser Verstoß gegen die Regeln und eine Manipulation des Wettbewerbs.“

FAQ: Balogun, Trump und die ausgesetzte Sperre

Warum darf Folarin Balogun gegen Belgien spielen?

Die FIFA-Disziplinarkommission hat seine Ein-Spiel-Sperre nach der Roten Karte gegen Bosnien zwar verhängt, den Vollzug aber nach Artikel 27 des Disziplinarreglements für eine einjährige Bewährungsfrist ausgesetzt. Damit ist Balogun für das Achtelfinale spielberechtigt.

Hat Donald Trump die FIFA-Entscheidung beeinflusst?

Laut New York Times und AFP rief Trump nach dem Sechzehntelfinale gegen Bosnien persönlich bei FIFA-Präsident Gianni Infantino an und bat um eine Überprüfung der Roten Karte. Formal fiel die Entscheidung in der Disziplinarkommission, die FIFA äußert sich zu den Berichten bislang nicht. Trump feierte die Begnadigung auf Truth Social als Korrektur eines „großen Unrechts“.

Was passiert, wenn Balogun erneut so foult?

Begeht er innerhalb der einjährigen Bewährungsfrist ein Vergehen ähnlicher Art und Schwere, wird die ausgesetzte Sperre vollstreckt – zusätzlich zu jeder neuen Strafe.

Wann spielt die USA gegen Belgien?

Das Achtelfinale steigt in der Nacht von Montag auf Dienstag, den 7. Juli 2026, um 2:00 Uhr MESZ in Seattle. Die ARD überträgt ab 1:25 Uhr, MagentaTV zeigt die Partie ebenfalls live.

Zitate und Quellen: The Athletic, Truth Social, New York Times, AFP, SID