Torwartfrage in der Nationalmannschaft: Die Suche nach dem besten deutschen Torhüter

Vor einem WM-Spiel den Torwart zu wechseln, galt lange als undenkbar. Doch genau das traf Hans Tilkowski 1962 in Chile, als Sepp Herberger ihm kurz vor dem Anpfiff mitteilte, dass Wolfgang Fahrian im Tor stehen würde. Der Ärger darüber wurde zum ersten großen deutschen WM-Keeperstreit.

Bayern-Torwart Manuel Neuer bereitet sich am 28. April 2026 im Parc des Princes in Paris auf das Halbfinal-Hinspiel der UEFA Champions League 2025/26 zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Bayern München vor. Alex Grimm / Getty Images Europe via Getty Images
Bayern-Torwart Manuel Neuer bereitet sich am 28. April 2026 im Parc des Princes in Paris auf das Halbfinal-Hinspiel der UEFA Champions League 2025/26 zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Bayern München vor. Alex Grimm / Getty Images Europe via Getty Images

Wenn das WM-Tor zum Machtkampf wird

Als ihm beim Skatspielen ein Mitspieler beiläufig zuraunte, er habe gehört, am nächsten Tag werde ein anderer hüten, blieb Tilkowski zunächst gelassen. Einen Wechsel kurz vor einer WM-Partie nahm er nicht ernst, so etwas hatte es schließlich nie gegeben. Dann aber erschien Co-Trainer Helmut Schön, richtete aus, Herberger wolle mit ihm sprechen, und Tilkowski wurde unruhig. Ihm fiel ein, dass der Bundestrainer schon öfter beim Torwarttraining vorbeigeschaut und Schön immer wieder gefragt hatte: „Helmut, was meinen Sie?“ Als Herberger schließlich sagte: „Hans, morgen spielt Fahrian im Tor“, war die Enttäuschung riesig.

Der Wettbewerb um die Nummer eins im deutschen WM-Kasten war meist schon vor dem Turnier entschieden. In der Ära von Manuel Neuer gab es gar keinen offenen Zweikampf, und auch Sepp Maier war über viele Jahre unangefochten. Trotzdem sorgten die Männer zwischen den Pfosten immer wieder für Konflikte, Streit und sportpolitische Reibungen.

Von Kreß bis Turek: frühe WM-Baustellen

Schon der erste deutsche WM-Torwart, Willibald Kreß, war nicht unumstritten. Vor dem Halbfinale 1924 bat er Reichstrainer Otto Nerz sogar selbst, nicht auflaufen zu müssen, weil sich das Gerücht hielt, er leide unter Liebeskummer. Im NS-Sport hatte der Übungsleiter aber nicht das letzte Wort. Fachamtsleiter Felix Linnemann ordnete an: Kreß spielt. Der patzte anschließend, Deutschland verlor, und für ihn war die Nationalmannschaft Geschichte.

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Auch Toni Turek, nach dem WM-Triumph 1954 fast heiliggesprochen, wusste vor der Endrunde zunächst nicht, ob er überhaupt zum Zug kommen würde. Herberger hielt ihn für zu flatterhaft, störten ihn doch Tureks Mätzchen und die Tatsache, dass er sein Tor zu oft verließ. Eigentlich favorisierte der Bundestrainer Fritz Herkenrath, doch der weilte mit Rot-Weiss Essen auf Amerika-Tournee. So wurde Turek in Bern zum „Fußballgott“, stand danach aber nur noch einmal für Deutschland zwischen den Pfosten.

Der Fall Tilkowski und Fahrian wurde schließlich zum ersten echten Skandal. Tilkowski hatte alle Qualifikationsspiele bestritten und reiste in dem Glauben nach Chile, die klare Nummer eins zu sein. Im selben Flugzeug saß aber auch Wolfgang Fahrian von der zweitklassigen TSG Ulm 46. Erst mit 18 Jahren hatte er überhaupt als Torwart debütiert, offiziell galt er sogar als Verteidiger. Seine Leistungen in der Zweiten Liga fielen jedoch derart auf, dass er im letzten WM-Test ins Tor gestellt wurde. Mit Beginn des Turniers stand er dort an seinem 21. Geburtstag.

Tilkowski reagierte heftig. Er erklärte seinen Rücktritt, verlangte ein Rückflugticket und bekam es nicht. Im Zimmer, das er sich mit Fahrian teilte, zerschlug er zudem einen Stuhl. Auf dem Rückflug wollte er Herberger an den Kragen, wurde aber von Mitspielern festgehalten. Erst eineinhalb Jahre später kam es zur Versöhnung mit dem Bundestrainer. Eine späte Revanche folgte dann 1966, als Tilkowski im Wembley-Tor stand.

Kahn, Lehmann und die alte Frage nach der Nummer eins

In den goldenen Siebzigern rüttelte niemand ernsthaft an Sepp Maier. Deutlich hitziger wurde es erst beim Übergang in die nächste Generation. Harald „Toni“ Schumacher war zwar 1980 Europameister und 1982 WM-Zweiter geworden, doch vor der WM 1986 sah Uli Stein seine Chance. Der Hamburger fühlte sich zusätzlich ermutigt, weil Teamchef Franz Beckenbauer ihm angeblich Hoffnungen auf einen Einsatz in Mexiko gemacht hatte. Kurz vor dem Abflug kippte die Tendenz jedoch zugunsten Schumachers. Stein war empört und sagte: „Ich habe nicht das Gefühl, dass es in der Nationalmannschaft nur nach Leistung geht.“

Stein war damit der zweite Deutsche in der WM-Geschichte, der aus dem Kader flog, und er kam nie wieder für das Nationalteam zum Einsatz. Das Finale gegen Argentinien, verloren mit 2:3, verfolgte er daheim auf dem Sofa. Als Schumacher bei einem Elfmeter patzte, sagte Stein, er habe „dem Herrn lautlos dafür“ gedankt, „dass es doch noch Gerechtigkeit auf Erden gibt“.

So bitter wie vor 40 Jahren wurde es danach nicht mehr. Ganz ohne Gift ging es aber auch nie, denn die alte Regel blieb bestehen: Es konnte nur einen geben. Nur 1934 wurde der Schlussmann während einer WM aus sportlichen Gründen ausgetauscht.

Auch Bodo Illgner machte diese Erfahrung, als Bundestrainer Berti Vogts öffentlich bedauerte, ihn aufgestellt zu haben. Andreas Köpke durfte 1998 noch einmal ran, obwohl ihm bereits zwei ehrgeizige junge Konkurrenten im Nacken saßen. Oliver Kahn und Jens Lehmann lieferten sich danach über acht Jahre einen zähen Kampf um das deutsche Tor. Zunächst stand Kahn in drei Turnieren im Kasten, doch vor der EM 2004 meldete Lehmann erstmals lautstark Ansprüche an: „Ich hätte es verdient, wieder mal zu spielen, weil ich sechs Jahre gewartet habe. Ich kann jetzt wirklich nicht sagen, dass einer besser ist als ich.“

Jürgen Klinsmann rief 2004 einen offenen Konkurrenzkampf aus, der nicht nur sportlich ausgetragen wurde. Lehmann stichelte: „Worüber soll ich mit ihm reden, ich habe keine 24-jährige Freundin.“ Kahn konterte, das bewege sich auf Kindergartenniveau.

Als Klinsmann zwei Monate vor der WM 2006 Lehmann als Nummer eins festlegte, rechneten viele mit Kahns Rücktritt. Stattdessen erklärte er auf der Pressekonferenz, dass er sich in seine Rolle einfügen werde. Größe zeigte Kahn auch vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien, als er Lehmann die Hand reichte und sagte: „Jens, halt die Dinger.“ Dieses Bild lief im Berliner Olympiastadion über die Anzeigetafel, das Publikum spendete Applaus. Lehmann brachte Deutschland weiter, aber nicht ins Finale. Danach sagte Kahn: „Mit mir wären wir Weltmeister geworden.“