Der FC Bayern ist auf dem Papier schon vor dem ersten Spieltag enteilt. Lothar Matthäus prophezeit dem Rekordmeister die nächste Meisterschaft „mit mindestens zehn Punkten Vorsprung“, und kaum jemand widerspricht ihm. Weder Buchmacher noch Künstliche Intelligenz sehen auch nur den Ansatz einer Konkurrenz auf Augenhöhe mit dem Team von Vincent Kompany. Nach der bereits souverän gewonnenen Meisterschaft 2025/26 deutet vieles darauf hin, dass die Münchner auch 2026/27 wieder der große Favorit sind.

Selbst mögliche Nachwirkungen der WM-Belastung ändern nichts am Bild: Wettanbieter bwin taxiert die Titelquote der Münchner auf 1.12, ein Wert, der kaum Zweifel zulässt. Als ärgster Verfolger gilt Vizemeister Borussia Dortmund, dessen Meisterquote bei 10.00 liegt. Die Ausgangslage vor dem Bundesliga-Start wirkt damit auf den ersten Blick klar verteilt. Doch wer traut sich zu, den Bayern tatsächlich Paroli zu bieten?
Dortmund und Stuttgart als ambitionierte Widersacher
Borussia Dortmund erhebt traditionell den Anspruch, präsent zu sein, sobald der Rekordmeister strauchelt. Seit dem Double unter Jürgen Klopp ist dieser Coup allerdings nicht mehr gelungen. Zweimal, 2018/19 und 2022/23, schien der Titel in Reichweite, beide Male scheiterte der BVB jedoch an eigenen Unzulänglichkeiten. Vereinspräsident Hans-Joachim Watzke bringt die Realität auf den Punkt: „Wir haben uns ökonomisch so weit auseinanderentwickelt, dass es unter normalen Voraussetzungen schwierig ist, die Nummer eins zu werden.“ Unter Niko Kovac hat die Mannschaft defensiv deutlich an Stabilität gewonnen, nun soll der nächste Schritt in der sportlichen Entwicklung folgen. Der Kader wurde verjüngt, ohne dass wichtige Stützen den Verein verlassen mussten. Mit dem griechischen Duo Konstantinos Karetsas und Giannis Konstantelias stehen zwei Talente bereit, die ihre Qualität bereits angedeutet haben. Die Abgänge von Karim Adeyemi, Niklas Süle und Julian Brandt brachten zudem finanzielle Entlastung. Neuzugang Joey Veerman formulierte nach dem Supercup selbstbewusst das Saisonziel: „Wir wollen im Titelrennen dabei sein.“
Beim VfB Stuttgart hat Sebastian Hoeneß in dreieinhalb Jahren als Cheftrainer ein Team geformt, das sich im oberen Tabellendrittel etabliert hat. Dennoch bleibt der 44-Jährige zurückhaltend, was die eigenen Titelchancen betrifft. „Ich glaube, wir bewegen uns relativ nah am Limit“, sagte Hoeneß und fügte an: „Man muss da auch mal die Kirche im Dorf lassen. Es gibt am Ende doch immer noch einige Klubs, die ganz andere Möglichkeiten haben.“ Die Schwaben haben in den letzten Jahren ein kluges Transfergespür bewiesen und mit Dzenan Pejcinovic, Grischa Prömel, dem ersten Ü28-Transfer während Hoeneß‘ Amtszeit, sowie Leo Sauer die zweitbeste Offensivabteilung der vergangenen Spielzeit weiter aufgewertet. Vieles deutet darauf hin, dass Stuttgart auch diesmal um die oberen Plätze mitspielen wird.
Leipzig sucht neue Balance, Leverkusen setzt auf frisches Kapital
RB Leipzig tritt mit einem neuen Trainer und dem Verlust seines prägendsten Unterschiedsspielers in die Saison, die Ambitionen bleiben trotzdem hoch. Wie Martin Demichelis die Distanz zum FC Bayern tatsächlich verkürzen will, ist bislang schwer vorstellbar. „Intensität ist unsere Identität“, verkündete der Argentinier bei seiner Vorstellung. Ob dieser Ansatz reicht, um die Lücke zu schließen, die der nach Madrid gewechselte Yan Diomande hinterlassen hat, bleibt fraglich. Für den Offensivspieler kassierte RB immerhin 125 Millionen Euro Ablöse. Als Reaktion holte der Klub Christopher Nkunku zurück, den Torschützenkönig der Saison 2022/23, der jedoch verletzungsanfällig ist und weder beim FC Chelsea noch bei der AC Mailand nachhaltig überzeugen konnte. Erschwerend kommt hinzu, dass Leipzig erneut die volle Dreifachbelastung aus Liga, Pokal und internationalem Wettbewerb stemmen muss. Der Kader ist zwar breit besetzt, echte Führungsspieler mit Ausnahmequalität fehlen jedoch. Antonio Nusa und Brajan Gruda müssen den nächsten Reifeschritt gehen, während Christoph Baumgartner verletzt in die Saison startet.
Bayer Leverkusen verfolgt einen gegensätzlichen Weg und hat auf dem Transfermarkt kräftig investiert. Für Flügelstürmer Afonso Moreira zahlte der Klub 30 Millionen Euro, für Miguel Gutierrez 26 Millionen, für Facundo Medina 23 Millionen. Der vorerst verletzte Kennet Eichhorn kam für neun Millionen Euro. Zusätzlich soll Moussa Diaby für mehr als 35 Millionen Euro zur Werkself zurückkehren. Mit Carles Martinez als neuem Cheftrainer kehrt zudem ein Hauch von Xabi Alonso an die BayArena zurück. Beim FC Toulouse galt der 42-Jährige als Förderer junger Talente und ließ seine Mannschaften einen geradlinigen, offensiven Fußball spielen. Zuvor sammelte Martinez Erfahrung in Barcelonas berühmter Jugendakademie „La Masia“, wo er unter anderem Gavi und Fermin Lopez auf ihrem Weg zum Durchbruch begleitete.