Aston Villa hat mit Leon Goretzka einen prominenten Namen verpflichtet, doch von einer komfortablen Ausgangslage kann keine Rede sein. Der Klub steckt personell im Umbruch, sportlich läuft es alles andere als rund, und rund um den 31-Jährigen bleiben mehrere Fragezeichen bestehen.

Von einem gemachten Nest kann bei Goretzkas Wechsel auf die Insel keine Rede sein. Aston Villa hat mit Ezri Konsa, Youri Tielemans und Morgan Rogers gleich mehrere gestandene Kräfte verloren, während Amadou Onana als wichtige Option im Mittelfeld verletzungsbedingt noch länger fehlen wird. Hinzu kommt, dass Schlussmann Emiliano Martinez offenbar kurz vor einem Wechsel zum FC Chelsea steht. Der Umbruch beim englischen Traditionsverein ist also bereits in vollem Gange, und die 0:4-Auftaktpleite in Brighton hat die ohnehin angespannte Stimmung zusätzlich getrübt. Trotzdem soll nun der Aufbruch gelingen, und Goretzka soll dabei eine zentrale Rolle spielen.
Hohe Erwartungen an den Neuzugang
Wie groß die Hoffnungen der Villans in den ablösefreien Neuzugang sind, machten die Verantwortlichen bereits in den sozialen Netzwerken deutlich: „Wenn du einen Motor brauchst, vertrau einem deutschen.“ Goretzka soll demnach nicht nur spielerisch überzeugen, sondern auch als Antreiber und Energielieferant im Zentrum fungieren, eine durchaus anspruchsvolle Rolle für einen Spieler, der zuletzt keine einfache Saison hinter sich hatte. Zwar kam der Mittelfeldmann beim FC Bayern aufgrund der Spielfülle noch auf eine ordentliche Anzahl an Einsätzen, in den entscheidenden Partien wie der Champions League oder im DFB-Pokal–Finale musste er sich jedoch überwiegend mit einer Nebenrolle begnügen, was ihn spürbar frustrierte. Auch auf Nationalmannschaftsebene erlebte Goretzka zuletzt eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Zur EM 2024 blieb er außen vor, ehe ihn Julian Nagelsmann im März 2026 überraschend zum gesetzten Teil der Doppelsechs erklärte. Bei der Weltmeisterschaft kam er dann jedoch deutlich weniger zum Einsatz als erwartet, was er offen als enttäuschend bezeichnete.
Fitnessfragen muss sich Goretzka trotz seines späten Wechsels nicht stellen. Er war zuletzt vereinslos, nachdem längst feststand, dass sein Vertrag beim FC Bayern nicht verlängert wird, kam aber in bestechender körperlicher Verfassung in Birmingham an. Dass er sich im Zentrum der Premier League behaupten kann, steht physisch außer Frage, und auch seine Erfahrung als 73-facher Nationalspieler ist für ein Team im Umbruch von großem Wert. Offen bleibt jedoch, wie schnell er sich an den englischen Spielstil gewöhnt, ob sich seine zuletzt überschaubare Spielpraxis bemerkbar macht und ob die Erwartungen an ihn nicht zu hochgesteckt sind.
Neues Mittelfeld-Duo mit Manzambi?
Bei Trainer Unai Emery, dessen taktisches System recht komplex ist und von den Mittelfeldakteuren hohe Flexibilität verlangt, dürfte Goretzka besonders von seiner Spielintelligenz profitieren. Zudem kann er, wie schon in der Vergangenheit gezeigt, auch auf anderen Positionen aushelfen, etwa als Innenverteidiger oder auf der Zehnerposition. Es wäre daher keine Überraschung, sollte Emery seinen Neuzugang bereits am Montag im ersten Heimspiel der Saison gegen Meister FC Arsenal von Beginn an bringen. Gemeinsam mit dem ehemaligen Freiburger Johan Manzambi könnte Goretzka das neue Herzstück im Villa-Mittelfeld bilden. Für dieses Duell und auch für die Champions-League-Partien soll die besondere Atmosphäre im Villa Park die Mannschaft beflügeln. Goretzka selbst blickt „speziellen Nächten“ im Stadion des amtierenden Europa-League-Siegers mit Vorfreude entgegen, auch international. Wie stimmungsvoll es dort zugehen kann, erlebte er bereits in der Saison 2024/25 als Gegenspieler, als er mit dem FC Bayern 0:1 auf der Insel verlor, ein Ergebnis, das sich aus dem Landesmeister-Finale von 1982 zwischen beiden Klubs wiederholte.
Entscheidend wird für Goretzka nun sein, sich rasch in die Mannschaft einzufügen. Das dürfte ihm gelingen, zumal seine neuen Kollegen froh sein dürften, einen erfahrenen Nationalspieler seiner Qualität im Kader zu haben. Mit der Rückennummer 27 bleibt ihm allerdings nur wenig Zeit, sich für das erste Aufgebot des neuen Bundestrainers Jürgen Klopp im Hinblick auf die Länderspiele im September und Oktober zu empfehlen. Ausgeschlossen ist eine Nominierung dennoch nicht, zumal er mit seiner Vereinswahl zufrieden wirkt. „Ein längerer Prozess“ sei die Entscheidung gewesen, „gut überlegt“, wie er selbst betonte, und entsprechend befreit könnte er nun aufspielen. Möglicherweise war es für Goretzka wichtig, direkt gebraucht zu werden. Ob er die erhoffte Soforthilfe tatsächlich sein kann, wird sich zeigen. An seinem eigenen Selbstvertrauen und Selbstverständnis, das er bei seiner Ankunft in Birmingham ausstrahlte, gibt es jedenfalls keinen Zweifel.