Wenige Tage vor seinem offiziellen Amtsantritt als Bundestrainer gönnte sich Jürgen Klopp noch einen Ausflug in die Welt der Achterbahnen und ließ dabei durchblicken, wie er seine neue Aufgabe angehen will. Zwischen Loopings und Steilkurven im Europa-Park verband der 59-Jährige Vergnügen mit einem sozialen Projekt für Kinder.

Genüsslich rieb sich Klopp im Europa-Park in Rust den Bauch, nachdem er sich für ein Instagram-Video in Szene gesetzt hatte. Mit weit aufgerissenem Mund positionierte er sich so, dass die vorbeirasenden Wagen der Achterbahn „Silver Star“ auf dem Video direkt in seinen Rachen zu donnern schienen, ein kurioser Spaß, den viele Besucher der Anlage kennen. Doch mehr als dieser Scherz freute ihn offenbar ein anderer Programmpunkt: Kurz vor der Übernahme seines neuen Amtes durfte er sich noch einmal den Basics des Fußballs widmen.
Im Rahmen von „Kloppo’s Kids Camp“ kümmerte sich der künftige Bundestrainer am Wochenende persönlich um 36 Kinder zwischen zehn und 14 Jahren aus sozialen Einrichtungen, Kinder, die sich einen solchen Ausflug laut Klopp „entweder nicht erlauben können oder es sich echt verdient haben“. Zwischen den Fahrgeschäften Matterhorn-Blitz und Poseidon-Wasserbahn gab er unumwunden zu: „Ehrlich gesagt passt es gar nicht in meinen Terminplan.“ Beim Elfmeterschießen mit den Kids musste er zudem einige Gegentore hinnehmen, Nikki, Jermain, Valentina und Younes bezwangen ihn reihenweise. Einen künftigen Weltklasse-Außenverteidiger hat er unter den Nachwuchskickern jedenfalls nicht entdeckt, sonst hätte er ihn nach eigenem Scherz wohl sofort mitgenommen.
Ab Samstag beginnt der Ernstfall
Am kommenden Samstag, dem 15. August, tritt Klopp offiziell sein Amt als Bundestrainer an. Die Aufgabe ist klar umrissen: Er soll den deutschen Fußball zurück an die Weltspitze führen, im Idealfall sogar direkt an die Spitze selbst. Für den Auftakt in Amsterdam hat sich der neue Chefcoach bereits 57 potenzielle Feldspieler notiert. Aus diesem breiten Kader wird er am 24. September gegen die Niederlande letztlich elf Akteure auf den Rasen schicken.
So groß die Zahl auch klingt, sie fügt sich in bekannte Muster ein: Auch Julian Nagelsmann hatte seinerzeit 55 Spieler mit Nationalmannschaftspotenzial auf seiner vorläufigen WM-Liste stehen. Ein revolutionärer Umbruch ist von Klopp also zunächst nicht zu erwarten. Trotz all seiner Energie und Tatkraft muss sich der neue Bundestrainer in eine ungewohnte Rolle einfügen. Er ist nicht mehr der Übungsleiter, der im Alltag nachjustiert und Lücken im Kader per Transfer schließen kann. Stattdessen muss er beobachten, Puzzleteile zusammensetzen und mit dem arbeiten, was ihm die Vereine für wenige Länderspieltage im Jahr zur Verfügung stellen, möglichst ohne übermäßige Belastung und vor allem ohne Verletzte.
Offene Fragen im Kader und die Torwart-Frage
Einige zentrale Baustellen zeichnen sich bereits jetzt ab. Klopp benötigt unter anderem eine neue Nummer eins zwischen den Pfosten. Kandidaten wie Jonas Urbig, der inzwischen sogar in Amsterdam aktive Marc-André ter Stegen oder Oliver Baumann stehen im Raum. Ebenso muss sich der Bundestrainer Gedanken über neue Führungsspieler machen und darüber, welche Akteure nach dem enttäuschenden Auftritt bei der WM künftig nicht mehr Teil seiner Planungen sein werden.
Sportdirektor Rudi Völler machte bereits deutlich, dass nach dem Turnier personelle Konsequenzen zu erwarten seien: „Nach so einem großen Turnier wird es auch ein paar Spieler geben, die von sich aus zurücktreten oder nicht mehr eingeladen werden.“ Zu möglichen Namen wie Leon Goretzka oder Leroy Sané wollte sich Völler jedoch nicht konkret äußern.
Fußballerisch dürfte von Klopp weiterhin sein bekannter Überfallfußball im Heavy-Metal-Stil zu erwarten sein, intensiv, druckvoll und auf schnelle Balleroberung ausgelegt. Passend dazu wirkt der stählerne „Silver Star“ fast wie ein Sinnbild: Mit 127 km/h ist er Deutschlands schnellste Achterbahn. So dürfte sich auch Jürgen Klopp schon bald fühlen, wenn seine neue Achterbahnfahrt als Bundestrainer mit all ihren Höhen und Tiefen beginnt.
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