Pressestimmen Frankreich gegen England vor dem Spiel um Platz 3: „Keiner will dieses Match spielen“

„Keiner will dieses Match spielen“: Mit diesem Satz von Thomas Tuchel lässt sich das Spiel um Platz 3 zwischen Frankreich und England am Samstag (23:00 Uhr MESZ, exklusiv bei MagentaTV) im Hard Rock Stadium von Miami ganz gut zusammenfassen. Dahinter aber tobt eine Debatte: In England wird über Tuchels Zukunft gestritten, in Frankreich verabschiedet sich Didier Deschamps nach 14 Jahren, und Kylian Mbappé hat seinen scheidenden Trainer öffentlich kritisiert. Wir haben die Presse in England, Frankreich, Deutschland und international gelesen.

Englands Trainer Thomas Tuchel vor dem Anpfiff des WM-2026-Halbfinales gegen Argentinien am 15. Juli 2026 im Atlanta Stadium.
Thomas Tuchel steht nach dem Halbfinal-Aus gegen Argentinien im Kreuzfeuer. (Justin Setterfield / Getty Images)

England: Die Schuldfrage und ein Trainer, der bleiben will

Die englische Presse arbeitet sich am 1:2 gegen Argentinien ab, genauer: an der Frage, ob Tuchels Wechsel das Spiel gekippt haben. Der Trainer selbst widerspricht dieser Lesart bei Sky Sports: „Es begann direkt nach dem Tor. Das ist im Grunde der Grund, warum wir verloren haben. Die Einstellung veränderte sich. Wir standen sofort nach unserem Tor tief, nicht erst nach den Auswechslungen.“

Seine Spieler stützen ihn dabei. Harry Kane sagt: „Sobald wir 1:0 führten, schienen wir nur noch halten zu wollen, und das reicht auf diesem Niveau einfach nicht.“ Marc Guéhi ergänzt: „Es fühlte sich an, als hätten wir getroffen und dann war die Mentalität: zurück, verteidigen.“ Und Dan Burn: „Wir wurden nach dem Tor etwas passiv, verteidigten wohl ein wenig zu tief, und bei der Qualität der Chancen, die Argentinien kreierte, fühlte es sich nach einer Frage der Zeit an.“

Bei ESPN Tuchel die Kritik an: „Ich bin für sie verantwortlich. Ich muss die Kritik annehmen, so ist es nun mal.“ Argentinien habe „mit mehr Risiko und Rhythmus“ gespielt, „und mit dem Gefühl, nichts zu verlieren zu haben, was sie befreite und uns hemmte“. Gegenüber Football365 er bei seiner Linie: „Im Moment keine Reue. Die Mannschaft hat alles gegeben und wir waren sehr, sehr nah dran.“ Offensive Wechsel hätten aus seiner Sicht nicht geholfen.

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Von „deutscher Spion“ bis „man wäre verrückt, ihn zu entlassen“

Die Experten sind gespalten, und der Ton ist scharf. Gary Lineker witzelte in seinem Podcast, wie das Irish News: „Ich frage mich, ob Thomas Tuchel so etwas wie ein deutscher Spion ist, wir wurden unterwandert.“ Er schob nach, das sei natürlich ein Scherz, erinnerte aber an Tuchels Ansage nach dem Auftaktsieg gegen Kroatien: „Wenn wir verlieren, dann auf unsere Art, mit aggressivem, offensivem Fußball.“ Genau das habe er dann nicht getan.

Deutlich wird auch Wayne Rooney („Die Wechsel, die wir vorgenommen haben, halfen uns nicht. Am Boden zerstört“) und Micah Richards („Taktisch dachten wir alle, dass er es heute falsch gemacht hat“). Auf der anderen Seite steht Patrick Vieira: „Man wäre verrückt, ihn zu entlassen oder den Trainer zu wechseln. Ich glaube an Stabilität.“

Der Verband selbst hält sich auffällig bedeckt: FA-Geschäftsführer Mark Bullingham nennt das Aus in seinem offiziellen Statement schlicht „herzzerreißend, so nah dran zu sein“ und stellt fest, „die Spieler und Thomas haben heute alles gegeben“. Ein Wort zu Tuchels Zukunft steht dort nicht. Auch Dan Burn beschreibt auf der Verbandsseite vor allem Leere: „Am Ende stand ich unter Schock, und ich fühle mich immer noch ziemlich taub.“

Sportlich entschieden ist die Personalie ohnehin: Laut Sky Sports News stellt der Verband FA Tuchels Position nicht infrage, er soll bis zur Heim-EM 2028 im Amt bleiben, nachdem er vor der WM um zwei Jahre verlängert hatte. Tuchel selbst sagt bei Sports Illustrated machen wir mit dem Vertrag bis zur Heim-EM weiter, und ich freue mich darauf.“ Und Sports Illustrated hält in einem Kommentar dagegen: Tuchels defensive Wechsel seien eine rationale Reaktion auf die angstgetriebene Passivität seiner Spieler gewesen, nicht deren Ursache.

Frankreich: Deschamps‘ letzter Auftritt und Mbappés Seitenhieb

In Frankreich ist die Stimmung eine andere, nüchterner und abschiedsschwer. Foot Mercato „France-Angleterre, le match que personne ne veut jouer“ und zitiert Deschamps: „Die Enttäuschung entspricht dem Maß unserer Ambitionen. Wir sind nicht da angekommen, wo wir hinwollten.“ Maxifoot, die Spieler seien „dégoûtés“, angewidert, ein Spiel bestreiten zu müssen, „das praktisch für die Katz ist“. Erwartet werden sechs bis sieben Wechsel in der Startelf.

Deschamps selbst will den Abschied nicht verstolpern. Bei beIN Sports: „Wenn man das Finale, das man wollte, nicht erreicht, muss das wehtun. Gott sei Dank tut es weh. Wir haben gegen eine gute spanische Mannschaft verloren, die ihr Niveau gesteigert hat.“ Und knapp: „Es geht um Platz drei, also werden wir alles tun, um ihn zu holen.“ Es wird nach mehr als 180 Länderspielen sein letztes als Nationaltrainer, sein Vertrag läuft am 31. Juli aus. Über den Zeitpunkt sagt er bei Le10Sport: „Ich bin seit 2012 da. Aber 2026, das passt gut. Man muss auch aufhören können.“

Der schärfste Ton aus dem französischen Lager kommt ausgerechnet vom Kapitän. Kylian Mbappé kritisierte laut beIN Sports offen die Taktik seines Trainers: „Ich denke, wir hätten gegen Spanien Mann gegen Mann spielen müssen. Wir hätten sie zwingen müssen, mitzulaufen.“ Und weiter: „Fabián und Rodri hatten zu viel Zeit am Ball. Uns fehlte die Kommunikation im Pressing. Taktisch und technisch waren wir nicht auf dem Niveau, das ein WM-Halbfinale verlangt.“

Zidane steht schon bereit

Parallel läuft die Nachfolge. Foot Mercato, der Verband FFF wolle die Bekanntgabe von Zinédine Zidane auf „Donnerstag oder Freitag nächster Woche“ legen, um das Kapitel Deschamps sauber zu schließen. Le10Sport weiß von einem Stab mit über 25 Personen, der die FFF teuer zu stehen kommen werde.

Für Mbappé geht es am Samstag außerdem um etwas Handfestes: OneFootball vor, dass er und Messi mit je acht Turniertoren gleichauf liegen und bei Gleichstand zuerst die Vorlagen entscheiden, dort führt Messi mit 4:3. Zweites Kriterium wäre die Spielzeit, dort hätte Mbappé die Nase vorn. Präzedenzfall: Thomas Müller gewann den Goldenen Schuh 2010 über die Vorlagen. Insgesamt steht Mbappé bei 20 WM-Toren, einem weniger als Rekordhalter Messi.

Frankreichs Michael Olise und Kylian Mbappé zeigen sich nach dem 0:2 gegen Spanien im WM-Halbfinale im Dallas Stadium in Arlington, Texas, am 14. Juli 2026 enttäuscht.
Michael Olise und Kylian Mbappé nach dem 0:2 gegen Spanien: Statt des Finales bleibt nur das kleine Finale. (Lars Baron / Getty Images)

Deutschland und international: „Ein proaktives Desaster“

In Deutschland dreht sich alles um Tuchel, und die Schlagzeilen sind hart. SPORT1 die internationalen Stimmen unter dem Titel „Thomas Tuchel am Pranger“ und zitiert The Athletic mit dem Satz, Tuchel habe „eine taktische Veränderung vorgenommen, die als einer der folgenschwersten Fehler in die Geschichte eingehen wird“, ein „proaktives Desaster, ein selbstverschuldeter Kollaps“. Der Sydney Morning Herald nennt ihn „Staatsfeind Nummer eins“.

Die Sportschau die englische Boulevardpresse: „Das geht auf Tuchels Konto“, schreibt The Sun über die „feigen“ Auswechslungen, The Mirror findet es „herzzerreißend“. Bei Eurosport sich Tuchel: „Ich übernehme die Verantwortung. Aber wir bereuen nichts. Das Team hat alles gegeben, wir hatten die Führung verdient.“ Die Schweizer watson die Expertenkritik von Alan Shearer bis Chris Sutton, während Sports Illustrated Deutschlandhält: „Tuchel ist als Trainer Teil dieser Niederlage. Er ist aber nicht ihr alleiniger Verursacher.“

Zum Spiel selbst äußert sich Tuchel bei LAOLA1, wie es alle zitieren: „Keiner meiner Spieler und keiner der französischen Spieler möchte dieses Match spielen. Sie wollen das Finale spielen. Jeder spielt, um den Titel zu gewinnen, aber es ist, was es ist.“ Dass es trotzdem um etwas geht, rechnet Al Jazeera: Der Dritte bekommt zwei Millionen Dollar mehr als der Vierte, und die Tore zählen für den Goldenen Schuh.

L’Équipe erklärt in einer Analyse, warum es das ungeliebte Spiel überhaupt noch gibt: Eingeführt wurde es 1934 bei der zweiten WM in Italien, die Premiere in Uruguay vier Jahre zuvor kam ohne Verlierer-Duell aus. Die FIFA hält daran fest, anders als die UEFA, die es bei der EM ab 1984 abschaffte. Sportlich liefert es eine vollständige Platzierung, wirtschaftlich aber vor allem ein prestigeträchtiges Spiel am Vorabend des Finales, was Sponsoren und Sendern gefällt: M6 hat der FIFA nach Angaben der Zeitung 120 Millionen Euro für die Hälfte der WM-Spiele gezahlt und ist am Samstag einer hohen Einschaltquote sicher, „auch wenn die Spieler ein bisschen mit den Füßen scharren“. Für Frankreich ist es übrigens das vierte kleine Finale: 1958 gab es ein 6:3 gegen Deutschland, bei dem Just Fontaine vier Tore schoss und mit 13 Turniertoren einen bis heute gültigen Rekord aufstellte, 1982 folgte ein 2:3 gegen Polen, 1986 ein 4:2 gegen Belgien.

Der englische Verband liefert die Zahlen zum Duell gleich selbst mit: England verlor beide bisherigen Spiele um Platz 3 (1990 gegen Italien, 2018 gegen Belgien), ein Sieg wäre das beste WM-Ergebnis seit 60 Jahren und das beste jemals auf fremdem Boden. Und Michael Olise steht bei fünf Vorlagen, nur Pelé hatte bei einem einzigen Turnier mehr (sechs im Jahr 1970).

Wer überträgt Frankreich gegen England?

Das kleine Finale läuft am Samstag ab 23:00 Uhr MESZ exklusiv bei MagentaTV, ARD und ZDF zeigen es nicht. Die Vorberichte starten um 22:00 Uhr mit Tabea Kemme und Laura Wontorra, Christian Strassburger kommentiert. Die voraussichtlichen Aufstellungen stehen in unserem Aufstellungs-Artikel, unsere Einschätzung in der Prognose zum Spiel um Platz 3.