Matthias Sammer traut der deutschen Nationalmannschaft bei dieser Weltmeisterschaft nicht den ganz großen Wurf zu. Der Europameister von 1996 sieht das Team zwar in der erweiterten Weltspitze, doch für den Titel fehlt ihm auf dem Platz zu viel von dem, was in entscheidenden Momenten nötig ist.

Sammer kritisiert fehlende Konsequenz
Im Gespräch mit dem Stern beklagte Sammer vor allem, dass die Mannschaft ihre Spiele nicht sauber zu Ende spiele. „Sie zählt zwar zur erweiterten Weltspitze, aber ich sehe immer wieder Dinge auf dem Platz, die nicht passieren dürfen, wenn man um den Titel mitspielen will“, sagte er. Als Beispiel nannte er die jüngsten Partien gegen die Schweiz und Ghana, in denen Deutschland jeweils nur über weite Strecken dominiere, die Begegnungen aber nicht konsequent abschließe.
Genau darin liege aus seiner Sicht das Risiko. Nach einer Phase der Kontrolle komme es immer wieder zu einem Spannungsabfall, „und der Sieg gerät in Gefahr. Dieses Muster bereitet mir Sorgen“, so Sammer. Besonders vermisst der frühere Nationalspieler die alte deutsche Identität. Über Jahrzehnte sei der deutsche Fußball nicht nur wegen seiner Offensivkraft, sondern auch wegen seiner Stabilität und Abwehrarbeit gefürchtet gewesen. „Aber die Kunst des Verteidigens ist uns abhandengekommen“, sagte er.
Zu viel Fokus auf Ballbesitz und Ästhetik
Sammer störte sich zudem daran, dass in Deutschland seiner Meinung nach zu stark über spielerische Schönheit diskutiert werde. „Wir reden zu viel über die Schönheit des Spiels, über Ballbesitz und zu wenig darüber, wie man es gewinnt“, erklärte er. Für ihn gehe es zu sehr um die „B-Note“, während die entscheidenden Tugenden im Hintergrund geraten.
Gleichzeitig befürwortet Sammer die Rückkehr von Manuel Neuer ins Tor. Er sei ein klarer Anhänger des Leistungsprinzips, stellte er heraus. „Der Beste soll spielen, und der beste deutsche Torhüter ist aktuell Manuel Neuer“, sagte Sammer. Das Unverständnis über den Wechsel von Oliver Baumann könne er nicht nachvollziehen. „Ich verstehe die Weinerlichkeit der Leute nicht, die sagen, der Wechsel sei eine große Ungerechtigkeit gegenüber Oliver Baumann. Diese Schmerzen muss man aushalten können, denn wir befinden uns hier im Hochleistungssport“, betonte er. Zudem sei Neuer ein dringend benötigter „Anführer“.