Der Karl-Schock ist für die deutsche Nationalmannschaft vorerst verkraftet. Einen Tag nach dem Turnier-Aus für den Jungstar setzte sich die DFB-Elf in Chicago gegen Co-Gastgeber USA mit 2:1 (1:1) durch und reist mit einer historischen Siegesserie in die WM. Kai Havertz brachte die Auswahl von Julian Nagelsmann nach 100 Sekunden per Kopf in Führung, Leroy Sané entschied die Partie in der 57. Minute. Dennoch bleibt eine gute Woche vor dem Auftakt gegen Außenseiter Curacao noch Arbeit.

Blitzstart und US-Antwort
Im ausverkauften Soldier Field sahen 63.636 Zuschauer einen echten Härtetest, auch wenn Chicago kein Turnierort ist. Zur Anstoßzeit um 13.30 Uhr Ortszeit herrschten schwül-warme Bedingungen bei Regen, später kam die Sonne zurück. Für Nagelsmann war das ein wertvoller Vorgeschmack auf die WM. „Das ist ein guter Einstieg in die klimatischen Bedingungen“, sagte der Bundestrainer, und selbst ohne echten Turnierstatus habe es sich „schon ein bisschen nach WM an“ angefühlt, auch wegen der typisch amerikanischen Show mit leicht verspätetem Fliegergeschwader über dem Stadion.
Sportlich erwischte die DFB-Auswahl den besseren Start. Nach einer Freistoßflanke von Joshua Kimmich köpfte Havertz, der erst nach dem Champions-League-Finale zur Mannschaft gestoßen war, früh ein. Vier Minuten später schien das 2:0 schon gefallen, doch der Treffer zählte nicht, weil Sanés Flanke zuvor im Toraus gewesen war. Danach übernahmen die Gastgeber zunehmend die Initiative. Jonathan Tah klärte mehrfach, ehe Antonee Robinson in der 37. Minute mit einem Volley aus 18 Metern unter die Latte zum Ausgleich traf. Angetrieben von Christian Pulisic wurden die USA stärker, Tah verhinderte kurz vor der Pause gegen den Ex-Dortmunder sogar das 1:2.
Sané trifft, Nagelsmann testet weiter
Vor dem Anpfiff standen mehrere Personalfragen im Mittelpunkt. Oliver Baumann hütete erneut das Tor, weil Rückkehrer Manuel Neuer noch nicht voll belastbar ist. Auf links verteidigte Nathaniel Brown und verdrängte offenbar David Raum, in der Doppelsechs setzte sich Felix Nmecha neben Aleksandar Pavlovic durch. Rechts vorne begann Sané als Ersatz für Karl. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hatte nach dem Ausfall des Jungstars auf eine „Trotzreaktion“ gehofft, Sportdirektor Rudi Völler wünschte sich, „dass wir noch mehr Sympathiepunkte sammeln. Die Spieler müssen einfach brennen.“
Genau das zeigte die Mannschaft nach der Pause wieder. Nach einem zunächst wechselhaften Auftritt leitete Sané eine gute Gelegenheit ein, die Nmecha in der 49. Minute vergab. Kurz darauf schoss Sané einen Freistoß in der 54. Minute noch über das Tor, doch wenig später schlug er doch zu. Nach Vorarbeit von Jamal Musiala und Havertz drehte der Münchner die Partie mit dem Schuss ins linke Toreck. Lothar Matthäus, der das Spiel für RTL analysierte, zeigte sich angesichts von Zeitumstellung und Witterung zunächst verständnisvoll, kritisierte aber auch „zu viele Fehler im Aufbau“. Über Sané urteilte er streng: „Passt zu seinem Spiel“, sagte Matthäus, „aber vielleicht kommt er noch.“
Für Nagelsmann bot die Schlussphase die Gelegenheit, weitere Optionen zu prüfen. Unter anderem stellte er Waldemar Anton rechts hinten für Kimmich auf. Das Spiel verlor daraufhin an Tempo, die USA kamen kaum noch gefährlich vor das Tor. Der eingewechselte Jamie Leweling verpasste in der 73. Minute nach einem feinen Pass von Musiala eine weitere deutsche Chance, der sich im Verlauf der Partie steigerte. In der 87. Minute verhinderte Baumann mit einer Flugparade den Ausgleich, ehe Nico Schlotterbeck in einer hitzigen Nachspielzeit noch eine Rudelbildung auslöste.
